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Die Krimtataren

Wer sich für die Geschichte der Krim interessiert, kann die Tataren nicht ausser Acht lassen. Sie haben in der Geschichte der Halbinsel Krim im Schwarzen Meer lange eine führende Rolle gespielt.

Doch damit gleich zum ersten Problem. Jedes geschichtliche Ereignis hat eine Vorgeschichte. Wo also anfangen? Im 14. Jahrhundert, als die Tataren sich zum Islam bekehrten? Im 15. Jahrhundert, als sie auf der Krim und in den nördlichen und östlichen Steppen ein eigenes Khanat bildeten mit dem Zentrum in Bachtschyssaraj auf der Krim? Oder im 18. Jahrhundert, als sie durch die russische Eroberung der Krim mehr und mehr ins Hintertreffen gerieten?

Katastrophen häufen sich

Was auch immer vorher schon passiert war: Die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts brachte den Krimtataren eine Katastrophe nach der anderen. Das Verhältnis zwischen den Tataren und Russland war schon lange Zeit belastet von zahlreichen kriegerischen Konflikten. Das führte dazu, dass ein Teil der Tataren im Rahmen der Revolutionen in Russland 1905 und 1917 auf der Seite der Revolutionäre mitkämpften, in der Hoffnung, damit einen Beitrag zur Entmachtung der russischen Nobilität leisten und danach einen eigenen, autonomen Staat bilden zu können. Mit dem Kommunismus allerdings wollten sie nichts zu tun haben, was ihnen nach dem Ende des Bürgerkrieges in Russland wieder nicht gut bekam. Die Bolschewiken verübten in der Folge gegen die tatarischen Nationalisten etliche Massaker. Und als 19211922 im totalen Chaos nach der Revolution von 1917 und dem anschliessenden Bürgerkrieg auch noch eine monatelange Dürre im Süden Russlands zu einer katastrophalen Hungersnot führte, war die Krim besonders stark betroffen. Etwa die Hälfte der tatarischen Bevölkerung von Bachtschyssaraj verhungerte; 1923 stellten die Tataren auf der Krim nur noch etwa einen Viertel der Bevölkerung.

Und damit nicht genug. Stalin, so schreibt der britische Historiker Alan Fisher in seinem Buch “The Crimean Tatars”, habe zwischen 1917 und 1933 etwa 150.000 Tataren, die Hälfte der tatarischen Bevölkerung auf der Krim, umgebracht, deportiert oder vertrieben. 193738 kamen weitere Massaker speziell auch im Bereich der tatarischen Intelligenzija dazu.

Unnötig zu erwähnen, dass sowohl in der Hungersnot wie auch bei den kriegerischen Auseinandersetzungen nicht nur die Krimtataren betroffen waren. Auch andere Ethnien hatten in dieser Epoche harte Zeiten.

Zweiter Weltkrieg

War es in dieser historischen Situation überraschend, dass beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht auf der Krim 1941 verschiedene Gruppierungen von Tataren sich veranlasst fühlten, die einmarschierenden Deutschen und Rumänen beim Angriff auf die Sowjets im Kampf zu unterstützen? Wohlverstanden, nicht weil sie der faschistischen Ideologie besonders nahestanden, aber weil es, einmal mehr, gegen Russland ging. Es gab Tataren die auf der Seite der Sowjets kämpften. Doch Stalin schaute dann auch wieder nicht besonders genau hin, wie und was da abgelaufen war. Er deportierte nach der Rückeroberung der Krim 1944 praktisch die gesamte tatarische Bevölkerung in verschlossenen Eisenbahnwagen in dünnbesiedelte Gegenden weiter im Osten und vor allem nach Usbekistan und überliess sie dort ihrem Schicksal. Viele Tataren überlebten schon den Transport nicht. Erst unter Chruschtschow, der diese unmenschlichen Deportationen unter Stalin öffentlich als “Verbrechen” verurteilte, erhielten erste Tataren die Bewilligung, auf die Krim zurückzukehren, nach einer generellen Erlaubnis aus Moskau im Jahr 1989 kehrten Tausende von Tataren auf die Krim zurück.

Krim nicht Ukraine

Wie aber verhielten sich die Krimtataren nun beim Referendum 2014, als es darum ging, wieder mit Russland vereinigt zu werden? Refat Derdarov, der Bürgermeister von Bachtschyssarai, sagte im Jahr 2015: “Wir Tataren sind 1989 auf die Krim zurückgekehrt, die zur Sowjetunion gehörte; an die Ukraine haben wir damals gar nicht gedacht.” 2014 hatte es zwar tatsächlich einen prominenten Aufruf von Seite der Medschlis, einer wichtigen tatarischen Organisation, gegeben, das Referendum zu boykottieren. Wie weit der Aufruf befolgt wurde, ist aber nicht bekannt. Nach der Schätzung von Vasvi Abduraimov, dem Chef der krimtatarischen Organisation Milli Firka, haben nach dem Referendum, das die Wiedervereinigung der Krim mit Russland besiegelte, nur zwischen 3000 und 5000 Tataren tatsächlich beschlossen, die Krim zu verlassen. Ein Exodus fand nicht statt.

Aus welchem Blickwinkel auch immer die Berichte über all diese gegenseitigen Grausamkeiten geschrieben worden sind: Es kann einem den Schlaf kosten, was da alles im letzten Jahrhundert an Kriegen und Katastrophen abgelaufen ist und was insbesondere die Tataren an Katastrophen zu erleiden hatten.

Russland kennt das durch viele Konflikte und Kriege belastete Verhältnis der Krimtataren zu Russland. Nicht zuletzt Wladimir Putin selbst aber ist sehr interessiert daran, dass das angespannte Verhältnis zwischen den Tataren und Russland endlich der Vergangenheit angehört. Es bringe wenig, immer an die alten Unmenschlichkeiten zu erinnern, es gelte endlich vorwärts zu schauen, sagt er. Und er engagiert sich, wie man von tatarischer Seite hören kann, deshalb auch persönlich in dieser Sache.

In Bachtschyssaraj kann heute der Khanpalast besichtigt werden, der aus mehreren Gebäuden besteht. Der orientalische Charakter der Baugruppe ist unübersehbar.

Interessant war war der Besuch von Bachtschyssaraj, dem historischen Zentrum der Tataren, im Inneren der Halbinsel Krim. Mit offenen Augen und Ohren umgeschaut wird man Stimmen hören wie die Wiedervereinigung mit Russland ankommt.

Die junge Tatarin, die durch die historischen Bauten des Khanpalastes führte, der heute zum grossen Teil ein Museum ist, sagte es so: Sie habe an der Universität in Simferopol Arabistik studiert und interessiere sich für ihr Fachgebiet sehr, sie sei in der “hohen Politik” aber nicht besonders bewandert. Sie persönlich und viele andere Tataren der Gegend seien aber sehr dankbar für das heutige Engagement Russlands zugunsten der Tataren und speziell zugunsten von Bachtschyssaraj. Putin habe Bachtschyssaraj selber besucht und habe sich 40 Minuten Zeit genommen, um sich das alte Tataren-Zentrum selbst anzusehen. Und er habe zwei Milliarden Rubel an die Restauration der historischen Gebäude versprochen. “40 Minuten”, sagte die Führerin durch das Museum, “tönt zwar nicht nach viel, aber Putin hat ja schliesslich grössere Probleme zu lösen, als hier historische Bauten anzuschauen ….”.

Das Innere des Khanpalastes in Bachtschyssaraj ist heute ein Museum. Damit die Besucher auch die damaligen Kleider bestaunen können, sind in einigen Räumen stilgerecht bekleidete Puppen zu sehen.

Finanziell weit höher ins Gewicht fallen dürften andere Projekte zugunsten einer sicheren Zukunft der Tataren auf der Krim. Auf Anfrage hatten wir die Möglichkeit, die neue “Schule 44” für die Tataren in Simferopol zu besuchen. Es war zwar gerade Ferienzeit und die Schule zu dem von uns gewünschten Zeitpunkt nicht besetzt mit Kindern, aber die Direktorin kam zum vereinbarten Termin extra in die Schule und zeigte uns, was immer wir sehen und erklärt bekommen wollten.

Schule 44

Die neue Schule 44 in Simferopol, eine von zwölf Schulen auf der Krim für die Tataren. Wenige Wochen nach unserem Besuch im Mai hat diese neu eingerichtete Schule nun auch einen neuen Namen erhalten: Alime Abdenanova. Die Tatarin Alime Abdenanova kämpfte 1944, gerademal 20jährig, in der Gegend von Kertsch auf der Seite der Roten Armee als Agentin des Nachrichtendienstes gegen die deutsche Wehrmacht. Am 25. Februar 1944 wurde sie bei der Beschaffung neuer Batterien für ihren geheimen Radio-Sender aber erwischt, gefoltert und schliesslich von den Nazis am 5. April 1944 erschossen.

Die Schule ist in einem Neubau in Simferopol untergebracht und kann bis etwa 1.200 7- bis 15-jährige Schüler und Schülerinnen unterrichten. Die Basis-Sprache ist Tatarisch, die Muttersprache der Tataren, die seit der Wiedervereinigung der Krim mit Russland neben Russisch und Ukrainisch erstmals eine der drei Amtssprachen ist, im Gegensatz zur Zeit, da die Krim noch zur Ukraine gehörte. Aber lernen können die Schülerinnen und Schüler hier auch Englisch.

Schule 44

Der Vorraum zum Unterrichtszimmer für Englisch ist bunt bemalt mit verschiedenen Londoner Sehenswürdigkeiten. Die Schüler und Schülerinnen und auch ihre Eltern dürfen London allerdings nicht besuchen, da der Westen den Einwohnern der Krim mit russischem Pass jegliche Einreise, auch zu Besuchszwecken verweigert. Das ist die westliche Vorstellung des Wertes Freiheit. Ob so die Krimeer mehr Sympathie für den Westen entwickeln werden?

Die Schule ist bestens ausgerüstet, verfügt zum Beispiel auch über ein speziell eingerichtetes Schulzimmer, wo die Kinder das Schachspiel erlernen können. Sehr eindrücklich ist der Schulraum mit Dutzenden von PCs, wo die Schülerinnen und Schüler lernen, sich in der digitalen Welt zurechtzufinden. Das Handwerk ist ebenfalls vertreten: traditionsgerecht ausgerüstet mit Nähmaschinen für die Mädchen und mit Säge- und Bohrmaschinen für die Knaben. Auch verschiedene Turnhallen und Sportplätze stehen zur Verfügung. Der teilweise langen Schulwege wegen bleiben die Kinder über Mittag im Schulhaus und werden dort verpflegt, Kinder aus kinderreichen Familien sogar unentgeltlich.

Schuldirektorin Gulnara Murtazajeva

Die Direktorin der Schule, Gulnara Murtazajeva, kennt all die zahlreichen und grossenteils grausamen Konflikte zwischen den Tataren und den Russen bzw. später den Sowjets natürlich bestens. Aber sie hat eine klare Haltung: “Kraft meiner Ausbildung kann ich an einer Universität als Wissenschaftlerin arbeiten. Jetzt aber nehme ich bewusst die Chance wahr, etwas für eine bessere Zukunft der Tataren zu tun.”

Tatarische Kinder führen verschiedene traditionelle Tänze aufTatarische Kinder führen verschiedene traditionelle Tänze auf

Besuch der tatarischen TV- und Radio-Station in Sinferopol

Die Tataren auf der Krim verfügen heute nicht nur über eine neue Schule, an der sie ihre Sprache und Kultur pflegen können, sondern auch über eine tatarische Radio- und Fernsehstation.

Da waren fast alles junge Leute. Ervin Musaev, der Direktor war eher nur 30- als schon 40-jährig, und er führte uns nicht ohne Stolz, aber immer aufmerksam Auskunft auf unsere Fragen gebend, durch den Betrieb. Die Programme, die da produziert werden, sind alle hälftig in tatarischer und hälftig in russischer Sprache. Und all der Aufwand nur für die Krim? Natürlich nicht, die Programme werden via Satellit auch in jene Länder übertragen, wo noch immer Tausende von Tataren leben: in die Türkei und bis nach Usbekistan.

Generaldirektor des TV-Senders Millet, Ervin Musaev

Der offensichtlich recht alte Lift in den vierten Stock des älteren Gebäudes funktionierte zwar nicht technisch auf zeitgemässem Stand. Im Newsroom und in allen anderen Büros war nicht nur alles klinisch sauber.

Das Medien-Center in Simferopol bietet nicht zuletzt jungen, gut qualifizierten Frauen einen willkommenen Arbeitsplatz

Zum tatarischen Medien-Center in Simferopol gehört natürlich auch ein Radio-Studio. Auch die Tataren fahren ja Auto und möchten dort Musik oder die neusten Nachrichten hören.

Radioprogramm wird ebenfalls gesendet

Eingeladen ins Sitzungszimmer des Millet-Medien-Centers waren auch die Redaktions-Verantwortlichen des “Crimean Magazine”, einer in russischer und auch in englischer Sprache erscheinenden Hochglanz-Publikation. Es war gerade eine Sonderausgabe in englischer Sprache zum Thema “Massenmedien auf der Krim” herausgekommen: “Crimean media: the inside view”. Auf 132 professionell gestalteten Seiten wird da viel Information geboten. Dass neben den Rubriken News, Opinion, National und anderen auch noch 14 Seiten unter dem Rubrik-Titel Truth stehen, muss den Medien-Spezialisten allerdings ein wenig skeptisch stimmen. Wer einfach offen und ehrlich informiert, hat es nicht nötig, darüber Truth, Pravda oder eben Wahrheit zu schreiben. Wer auf diesem Globus kennt denn schon die Wahrheit? Die englische Ausgabe stehe auf den russischen Botschaften rund um die Welt Krim-Interessierten zur Verfügung.

In Sinferopol entsteht eine grandiose Moschee

Moschee in Simferopol

Die meisten Tataren sind sunnitische Muslime. Also wollte ich auch eine Moschee besuchen. Der Vorschlag von tatarischer Seite lautete die im Bau befindliche neue Moschee in Simferopol anschauen. Ein Blick in das Internet verriet das dort die größte Moschee in Osteuropa entsteht.

Ausmass der Kuppeln der neuen Moschee ist beeindruckend

Das Bauwerk hat tatsächlich gigantische Ausmasse. Die Kuppel ist 30 Meter hoch, die Minarette 50 Meter, es wird künftig Platz für 3000 Gläubige bieten. Der Rohbau steht bereits weitgehend. Noch sind die Innenwände aber roh und ohne Gemälde oder Mosaiken. Aber allein schon die Bauformen verraten: Er wird nicht nur eine gigantische Moschee, es wird mit Sicherheit auch ein Prachtswerk.

Kongresszentrum

Geführt hat uns ein Mitglied der Bauleitung. Ausgerüstet mit einem Schutzhelm konnten wir alles anschauen, was wir wollten, und auch überall fotografieren, ausser im Untergeschoss, wo künftig die ganzen IT-Anlagen installiert werden. Die Moschee steht auf einem vier Hektar grossen Baugelände. Gleichzeitig gebaut wird ein zweites Gebäude, in dem, wie der Techniker sagte, Verwaltungsbüros und Konferenzsäle untergebracht würden. Auch dieser Bau ist mehrstöckig und gross und vom jetzigen Baugerüst auf Höhe des obersten Stockwerkes aus eine gute Sicht auf die Moschee zum Fotografieren bietend. Der Techniker, verantwortlich für die Sicherheit während des Baus, zeigte uns hier bei den Metallteilen, dass nur beste Qualität, nämlich Material aus der Türkei, verwendet wird; die Teile tragen alle eine entsprechende Marke.

gigantische Grösse der neuen Moschee

Und wer hat denn die Pläne für die Moschee erstellt? Gibt es Architekten, die das können? Meine Frage war schnell beantwortet: Man hat eine Moschee aus der Zeit des Osmanischen Reiches ausgewählt und den Stil und die Masse von ihr übernommen. Auch die Baupläne durften wir in den Baracken der Bauleitung besichtigen.

Büros der Bauleitung hängen die detaillierten Baupläne

Geld

Nur eine Frage konnte uns der Techniker nicht beantworten: Wer finanziert denn eigentlich diesen gigantischen Bau? Es sei eine Stiftung, sagte der Mann, Genaueres könne er auch nicht sagen. Stiftungen aber sind nicht zuletzt auch dazu geeignet, Geldquellen und Geldflüsse zu kaschieren.

Die Krimtataren freuen sich auf die Eröffnung dieser phantastischen Moschee – vermutlich im Jahr 2020. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich dann trotz Unterstützung aus anderen Staaten weigern, sich in den geopolitischen Machtpoker der Türkei zwischen der NATO und Russland hineinziehen zu lassen. Sie sind zu oft in politische Machtkämpfe hineingezogen – um nicht zu sagen: politisch missbraucht – worden. Profitiert haben sie selber kaum je davon – aber sehr viel Schreckliches erlebt und viel gelitten.