Logo
Cover

Osteuropa ignoriert den Holocaust

In der Ukraine der Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera wird heute als Held wird und dass auch in etlichen anderen osteuropäischen Ländern versucht wird, die eigene Beteiligung an den Nazi-Verbrechen an den Juden aus dem Geschichtsbild zu löschen. Der neue Antisemitismus in Ungarn ist ein weiterer Beweis in einer Kette voller Rückgänge in die Jahre 1940.

In der litauischen Hauptstadt erwähnt die ehemals als Museum der Genozid-Opfer bekannte Institution nur am Rande die Ermordung fast aller Juden des Landes durch Nazis und lokale Bürger. Lieber konzentriert man sich auf die jahrelange Sowjetherrschaft. In Kaunas, der zweitgrössten Stadt Litauens, organisieren andere, sich als Museen bezeichnend, auf dem Gelände eines früheren Konzentrationslagers Festivals und Sommerlager. Der Opfer wird aber nicht gedacht. In der ukrainischen Stadt Dnipro zeigt ein Holocaust-Museum namens Tkuma eine kontroverse Ausstellung über Juden, die die sowjetische Politik unterstützten. Diese Komplizenschaft führte zu einer Massenhungersnot (Holodomor). Das Ganze geschah ein Jahrzehnt, bevor die “Endlösung” der Nazis einsetzte. Und in den Hauptstädten Rumäniens und der Ukraine, wo die Nazis und deren Kollaborateure den Mord an über 1,5 Millionen Juden organisierten, gibt es überhaupt keine nationalen Holocaust-Museen. Interne Kämpfe und Debatten über Geschichte und Komplizenschaft haben deren Öffnung verhindert. Das sind nur einige wenige Beispiele eines allgemeinen Trends in Osteuropa, wo Institutionen mit dem erklärten Ziel, die Öffentlichkeit über den Holocaust zu informieren, damit enden, ihn zu trivialisieren oder ganz zu ignorieren. Gedenkaktivisten aus der Region machen verschiedene Aspekte wie nationalistischen Revisionismus, Antisemitismus, Geldmangel, persönliche Animositäten und Inkompetenz für die Situation verantwortlich.

Alle diese Elemente waren im Nationalen Museum der jüdischen Geschichte und des Holocaust in Rumänien zur Schau gestellt. Doch das Museum ist gar nicht mehr geöffnet. Ein zweites Beispiel ist das “Haus der Schicksale” in Budapest. Dieses existiert zwar, bleibt aber fünf Jahre nach seiner geplanten Eröffnung immer noch geschlossen.

Drohungen eines Vizebürgermeisters

In Bukarest vertieft sich die Diskrepanz darüber, was 2016 als ein grosszügiger Plan der Stadtverwaltung begonnen hatte: endlich ein Holocaust-Museum zu errichten. Aurelian Badulescu, der Vizebürgermeister der Stadt, drohte aber damit, in Bukarest die Büste von Ion Antonescu zu enthüllen, dem Führer aus der Kriegszeit, der mit Hitler kollaborierte. Seine Drohung wurde als Massnahme gesehen, die lokalen Juden zu spalten.

Der Vorschlag der Stadtverwaltung, die für das Projekt ein prächtiges Gebäude (eine ehemalige Bank im Stadtzentrum) vorgesehen hatte, wurde nicht bewilligt. Gegner des Plans wollten das Museum in die Aussenbezirke der Stadt verlegen. Nach diversen Protesten verkündete Badulescu seinen Plan, Antonescu zu ehren. In einem Brief an Maximilian Marco Katz, einen rumänischen Juden, der in Bukarest zur Welt gekommen war und der dem MCA – dem Zentrum für die Überwachung und Bekämpfung des Antisemitismus – vorsteht, schrieb Badulescu auch, Katz solle dorthin zurückgehen, von wo er gekommen sei. Die Zukunft des Bukarester Museums ist derzeit in der Schwebe.

Diskrepanzen in Ungarn

In Budapest steht das “Haus der Schicksale” inzwischen seit rund fünf Jahren leer – an einer ehemaligen Bahnstation, von wo aus ungarische Juden in Todeslager transportiert worden sind. Grund ist ein Disput zwischen dem jüdischen Gemeindebund Mazsihisz und der Regierung. Es geht dabei unter anderem um die Ernennung der von der Regierung zur Museumsdirektorin ernannten Historikerin Maria Schmidt. Ihr wird vorgeworfen, den Holocaust kleinzureden, indem sie ihn mit der sowjetischen Dominanz gleichsetzt.

Um aus der Sackgasse zu gelangen, hat die Regierung dieses Jahr eine mit Chabad affiliierte Gruppe (EMIH) mit der Leitung des Museums beauftragt. Die Diskussion unter jüdischen Gruppen bremst das Projekt jedoch weiterhin, und das in einem Land, von dem Kritiker sagen, eine rechtsgerichtete Regierung trachte danach, die Kollaboration mit den Nazis während des Zweiten Weltkrieges weisszuwaschen.

Das Holocaust Memorial Center in der Budapester Páva-Strasse ist 2004 mit staatlicher­ Finanzierung eröffnet worden. Doch auch diese Institution leidet unter internen Grabenkämpfen, Budgetkürzungen und einem Besucherrückgang. Entwicklungen, die Zweifel an der Langlebigkeit des Projekts haben aufkommen lassen. Rivalitäten spielen auch bei den scheinbar endlosen Bemühungen eine Rolle, in der ukrainischen Stadt Kiew ein Holocaust-Museum zu errichten. Der Zwist begann 2001 und dauert immer noch an.

Anderer Umgang mit der Geschichte

Kollaborationen zwischen der osteuropäischen Lokalbevölkerung und den Nationalsozialisten Deutschlands gab es auch in massivem Ausmass in Westeuropa. Doch jener Teil des Kontinents wurde nach dem Zweiten Weltkrieg befreit, womit ein langer, andauernder Prozess der Abrechnung in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und anderen westlichen Staaten seinen Anfang nahm. Osteuropa hingegen sei von einem brutalen und antisemitischen Regime übernommen worden, wie Felicia Waldman, eine Expertin für Jüdische Studien und Holocaust-Erziehung an der Universität Bukarest, in einem Interview sagte. Deswegen sei erst in den letzten 20 Jahren in Osteuropa eine neue Generation von lokalen Wissenschaftern entstanden, die Holocaust-Experten geworden seien. Zudem erschwere es die Hinterlassenschaft des Kommunismus einigen Leuten, einzugestehen, was geschehen sei, denn sie sehen ihr Land in der Opferrolle und nicht in jener eines Täters. Die Holocaust-Komplizenschaft zu leugnen sei dann logischerweise ein Teil des Nationalstolzes. Eine Möglichkeit, die “bittere Pille” der Komplizenschaft zu neutralisieren, könnte daher sein, in Museen die Rolle der Holocaust-Retter hervorzuheben.

In den letzten Jahren öffneten Museen für Retter ausgerechnet in jenen Staaten ihre Tore, wo Kollaboration in der Geschichte grossgeschrieben wurde. Dazu gehört die 2012 eröffnete Gedenkstätte Jānis Lipke in Riga, Lettland, wo Tausende Juden von Lokalen ermordet worden sind.

Interessanterweise zeigt das Museum an der Stätte der Ponar-Morde bei Vilnius in Litauen eine Ausstellung über den japanischen Diplomaten Chiune Sugihara, der in Kaunas arbeitete und vor allem polnische Juden rettete.

Anfang Jahr lancierte das staatliche jüdische Museum “Gaon von Vilna” in Vilnius eine mobile Ausstellung über die “Gerechten unter den Völkern” des Landes – Nichtjuden, die von Israel anerkannt worden sind, weil sie ihr Leben riskiert hatten, um Juden zu retten.

2016 nahm in Polen vor dem Hintergrund einer sich polarisierenden internationalen Debatte über die polnische Komplizenschaft während des Holocaust ein Museum über Retter seinen Betrieb auf. Ein weiteres Museum dieser Art ist für Auschwitz geplant. Polnische Offizielle behaupten, es habe in Polen rund 70. 000 “Gerechte unter den Völkern” gegeben, obwohl das Holocaust-Museum Yad Vashem in Jerusalem weniger als 7.000 anerkannt hat.

Es sei an sich ehrenvoll, wenn heutzutage Institutionen wie Yad Vashem Retter anerkennen, meinte Efraim Zuroff, Osteuropa-Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums. “Aber nicht, wenn diese in Zusammenhang mit der Anerkennung der lokalen Komplizenschaft bei Naziverbrechen in Verbindung gebracht werden.” Das würde in den postkommunistischen Staaten der Gegenwart den Punkt völlig verfehlen.