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Konzerne bestimmen was wir essen

Angesichts rapide steigender Fälle von Fettleibigkeit mit entsprechenden Gesundheitsrisiken plante die indische Regierung letztes Jahr Fertignahrung und verarbeitete Nahrungsmittel mit roten Warnlabels zu kennzeichnen. Mehr als 70 Millionen Menschen sind betroffen. Experten meinen, diese Zahl könnte in den nächsten zehn Jahren auf 123 Mio. steigen, weil immer mehr Menschen zu verarbeiteten Nahrungsmitteln greifen, die viel Fett, Zucker und Salz enthalten.

Doch dann machten mächtige Lobbys ihren Einfluss geltend und die Regierung beugte sich dem Druck grosser Nahrungsmittelkonzerne. Um Kritiker zu besänftigen, berief die Regierung eine Expertengruppe, die das Ampelsystem überprüfen sollte. Der Mann, der dem 3-köpfigen Panel vorstehen sollte, brachte die Gesundheitsfachleute nur noch mehr in Rage. Boindala Sesikeran ist zwar ein erfahrener Ernährungsexperte, aber er ist auch Ex-Berater von Nestlé und ein führendes Mitglied des “International Life Science Institute” ILSI. Hinter dem harmlosen Namen verbirgt sich eine US-Organisation, die heimlich, still und leise die Gesundheits- und Ernährungsbehörden rund um die Welt infiltriert.

ILSI wurde vor vier Jahrzehnten von einer Coca-Cola-Führungskraft gegründet und hat heute Niederlassungen in 17 Ländern. Das Institut wird fast vollständig vom Agribusiness, von Nahrungsmittel- und Pharmakonzernen finanziert. In den 80er- und 90er-Jahren trat ILSI in Europa und in den USA für die Interessen der Tabakindustrie ein. Mittlerweile breitete sich die Lobby-Organisation auch in Asien und Lateinamerika aus, in Gebieten, die für die Nahrungsmittelindustrie von grosser Bedeutung sind.

Auffällig ist die Verflechtung von ILSI mit den Behörden, welche die Auswirkungen von ungesunder Ernährung bekämpfen sollen. So teilt sich das Institut in China Mitarbeitende und Büroräume mit jenen, welche die Epidemie von Krankheiten bekämpfen sollen, die mit Fettleibigkeit zu tun haben. In Brasilien haben ILSI Vertreter Sitze in verschiedenen Ernährungs-Panels inne, die früher Universitäts-Forschenden vorbehalten waren.

ILSI have offices around the world

Der Fuchs im Hühnerstall

Es überrascht nicht, dass Sesikerans führende Rolle im indischen Labeling-Komitee die Frage aufwarf, ob hier nicht der Bock zum Gärtner gemacht werde. Amit Srivastava, Koordinator des India Resource Center, fragte sarkastisch: “Was kann schon schiefgehen?” Es sei ganz einfach falsch und ein klarer Interessenskonflikt, wenn eine Lobbygruppe für Nahrungsmittel über öffentliche Gesundheit entscheide.

Nicht nur in Indien geraten die Aktivitäten von ILSI, nach Jahrzehnten unter dem Radar, ins Augenmerk von Gesundheitsorganisationen. Das Institut sei nicht mehr als eine Front für die Interessen der 400 Mitglieder, die sein 17-Millionen- US-Dollar-Budget finanzierten, darunter Coca-Cola, DuPont, PepsiCo, General Mills und Danone.

ILSI hat in den 40 Jahren seiner Existenz gezielt Verbündete in Universitäten und Regierungen rekrutiert, etwa durch gesponserte internationale Konferenzen. Es hat auch einflussreiche Wissenschaftler in Komitees berufen, die an Themen wie Nahrungssicherheit, Agrochemie oder probiotische Zusätze arbeiten. Diese Konferenzthemen dienten einem grösseren Zweck, sagen Kritiker: Es ginge primär darum, Wissenschaftler und Offizielle zu kultivieren, die sich sonst nie an Anlässen zeigen würden, die von McDonalds oder Kellogg gesponsert sind.

Fokus auf körperliche Aktivität

Im letzten Jahr haben Recherchen aufgedeckt, wie die China-Niederlassung von ILSI mithalf, Kampagnen gegen Fettleibigkeit zu entwickeln. Dabei wurde der Fokus auf körperliche Aktivität gelegt – eine wichtige Präventionsmassnahme gegen Übergewicht. Dieser Fokus dient der Lobby allerdings dazu, die Essgewohnheiten nicht in Frage zu stellen. Dieselbe Strategie verfolgt Coca-Cola, um, so lautet die Kritik, ihre Gewinnmarge zu erhalten. In Peking sind die Beziehungen von ILSI mit der Regierung so eng, dass die ILSI-Vorsitzenden gleich als ranghohe Beamte von Chinas Behörde für Seuchenkontrolle und -prävention fungieren.

Interner E-Mail-Verkehr: “Gefahr für unser Geschäft”

Laut “New York Times” haben die Autoren einer Studie in den USA dank dem “Freedom of Information Act” E-Mails einsehen können, in denen ILSI-Bevollmächtigte, Geldgeber sowie Verbündete in Universitäten aufgerufen wurden, ihren Kampf gegen die stets härtere Haltung der Weltgesundheitsorganisation zum Thema Zucker zu intensivieren. So heisst es in einer E-Mail von 2015, man müsse mit Margaret Chan, damals Direktorin der WHO, in einen Dialog treten. “Wenn nicht, wird sie uns weiter angreifen, mit signifikanten negativen Konsequenzen auf einer globalen Basis. Die Gefahr für unser Geschäft ist ernst.”

Chemie wird verharmlost

Zusätzlich zu ihren rund um den Globus operierenden Büros unterhält ILSI auch eine Forschungsstiftung und ein Institut, das auf Gesundheit und Umweltthemen spezialisiert ist. Wichtigste Geldgeberin dafür ist die chemische Industrie. In den letzten zehn Jahren erhielt ILSI mehr als zwei Millionen Dollar von Chemieunternehmen. 2016 kam heraus, dass das Uno-Komitee, das Glyphosat – Hauptingredienz im Unkrautvernichter “Roundup” – im Gegensatz zur WHO als “wahrscheinlich nicht krebserregend” deklarierte, von zwei ILSI-Offiziellen geleitet wurde. Einer davon war Alan Boobis, der Vizepräsident von ILSI Europa, der als Konsulent für Chemiefirmen tätig war.

In den letzten Jahren konzentriert sich ILSI mehr und mehr auf Entwicklungsländer. “Das Haupttätigkeitsfeld liegt in den Schwellenländern”, sagte Laura A. Schmidt, Professorin für Gesundheitspolitik an der Universität von Kalifornien in San Francisco gegenüber der “New York Times”. “Dort ist die Gesundheitsinfrastruktur noch nicht so gefestigt, und die Menschen sind weniger informiert über Gesundheitsrisiken. Wenn Unternehmen da Einfluss gewinnen, können sie die Politik und die Themensetzung rund um ungesunde Produkte bestimmen.”