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Afghanistans Schattenregime

Vor einigen Tagen wurde im afghanischen Parlament heftig debattiert. Im Fokus der Kritik standen diesmal weder die Taliban noch US-Soldaten oder die afghanische Armee. Stattdessen ging es um die jüngste Operation des NDS (National Directorate of Security), dem berühmt-berüchtigten afghanischen Geheimdienst, über den sonst kaum gesprochen wird. Anfang Januar hatte eine NDS-Einheit mitten in Kabul eine Wohnung gestürmt und fünf Menschen getötet. Unter den Opfern befanden sich auch Amer Sattar Ghorbandi, ein einflussreicher Mudschaheddin-Kommandant, der einst gegen die Sowjets kämpfte, und dessen Sohn. Alle Opfer waren unbewaffnet und wurden brutalst hingerichtet. Das Ziel der Operation war angeblich Ghorbandi selbst, der außerhalb Kabuls lebte und an jenem Tag in die Hauptstadt eingeladen war. Warum der NDS ihn getötet hat, ist unklar. Der betagte Warlord gehörte zu den politischen Verbündeten von Präsident Ashraf Ghani und unterstützte ihn bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen.

Die Frage, warum dies geschehen ist, soll nun mittels einer vom Präsidentenpalast zusammengestellten Kommission beantwortet werden. Der NDS hat kurz nach der Operation die Ausführung der Razzia, oder des Massakers, bestätigt, wollte allerdings keine weiteren Statements veröffentlichen. In Bezug auf den afghanischen Geheimdienst sollte es allerdings zahlreiche weitere Fragen geben.

Wie der NDS entstand

Ein Artikel von Emran Feroz | Verantwortlicher: Redaktion Dass die Afghanistan-Berichterstattung vieler Medien oftmals viele Lücken hat, ist mittlerweile nichts Neues. Sobald es um Afghanistan geht, hört man in den allermeisten Fällen lediglich von den Taliban oder der Kabuler Regierung. Währenddessen gibt es andere Akteure, die kaum Beachtung gewinnen. Das beste Beispiel hierfür ist der NDS, der afghanische Geheimdienst, der nach Beginn des “War on Terror” in Afghanistan von der CIA geschaffen wurde. Von Emran Feroz aus Kabul.

Vor einigen Tagen wurde im afghanischen Parlament heftig debattiert. Im Fokus der Kritik standen diesmal weder die Taliban noch US-Soldaten oder die afghanische Armee. Stattdessen ging es um die jüngste Operation des NDS (National Directorate of Security), dem berühmt-berüchtigten afghanischen Geheimdienst, über den sonst kaum gesprochen wird. Anfang Januar hatte eine NDS-Einheit mitten in Kabul eine Wohnung gestürmt und fünf Menschen getötet. Unter den Opfern befanden sich auch Amer Sattar Ghorbandi, ein einflussreicher Mudschaheddin-Kommandant, der einst gegen die Sowjets kämpfte, und dessen Sohn. Alle Opfer waren unbewaffnet und wurden brutalst hingerichtet. Das Ziel der Operation war angeblich Ghorbandi selbst, der außerhalb Kabuls lebte und an jenem Tag in die Hauptstadt eingeladen war. Warum der NDS ihn getötet hat, ist unklar. Der betagte Warlord gehörte zu den politischen Verbündeten von Präsident Ashraf Ghani und unterstützte ihn bei den jüngsten Präsidentschaftswahlen.

Die Frage, warum dies geschehen ist, soll nun mittels einer vom Präsidentenpalast zusammengestellten Kommission beantwortet werden. Der NDS hat kurz nach der Operation die Ausführung der Razzia, oder des Massakers, bestätigt, wollte allerdings keine weiteren Statements veröffentlichen. In Bezug auf den afghanischen Geheimdienst sollte es allerdings zahlreiche weitere Fragen geben.

Wie der NDS entstand

Seit der US-Invasion Afghanistans Ende 2001 wurden zahlreiche Institutionen geschaffen, die pro-amerikanische Interessen am Hindukusch durchsetzen sollten. Dies betrifft de facto den gesamten afghanischen Sicherheitsapparat, der eben nicht nur aus Militär und Exekutive besteht, sondern auch den Geheimdienst. Mit dem NDS hatte die CIA in Afghanistan einen kleinen Bruder geschaffen, der in jederlei Hinsicht von Langley gefördert wurde. Dies betrifft nicht nur technisches Know-how und Logistik, sondern auch die Schaffung eines afghanischen Folterapparats, der sich im “War on Terror” durchsetzt und mit jeglichen “Terrorverdächtigen” dementsprechend umgeht. Dass das US-Militär und die CIA in Afghanistan gefoltert haben und dies wohl auch weiterhin tun, ist mittlerweile umfassend bekannt. Doch in vielen Fällen ließ man die afghanischen Gehilfen Hand anlegen, während die amerikanischen “Berater” im Hintergrund saßen und die Anweisungen gaben. Bekannte NDS-Chefs sind unter anderem Amrullah Saleh, der womöglich nächste Vizepräsident Afghanistans, und Asadullah Khaled. Beide spielten in den Karzai-Jahren eine federführende Rolle und waren für Terror und Folter bekannt. Vor allem die Menschenrechtsverbrechen Khaleds, der aktuell als Verteidigungsminister Kabuls agiert, sind gut dokumentiert. 2009 behauptete der kanadische Diplomat Richard Colvin, der einst in Kabul als stellvertretender Botschafter tätig gewesen ist, vor dem Parlament Kanadas, dass Khaled der Kopf einer kriminellen Gruppierung sei und sich persönlich an der Folter und Tötung von Gefangenen beteilige. Hinzu kommt, dass Khaled wie viele andere Politiker und Warlords auch im Drogenhandel involviert war. In diesem Kontext soll er fünf UN-Mitarbeiter, die seine Machenschaften bedrohten, ermordet haben. Human Rights Watch beschuldigte Khaled der Folter und Vergewaltigung in zahlreichen Fällen und wiederholte dies, nachdem er von Präsident Ashraf Ghani zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Viele Vorwürfe standen im Raum, bevor Khaled den NDS im Jahr 2012 übernahm. Zu den damaligen Zeitpunkten agierte er noch als Gouverneur der Provinzen Ghazni und Kandahar. Als Khaled während seiner Amtszeit beim NDS durch einen Taliban-Anschlag schwer verletzt wurde, war es Barack Obama persönlich, der den Folterchef und Drogenbaron einen Besuch im Krankenhaus abstattete.

Aus historischer Sicht ist der NDS der direkte Nachfolger des KhAD, des afghanisch-kommunistischen Geheimdienstes, der Ende der 1970er sowie in den 1980er-Jahren Angst und Schrecken verbreitete. Der KhAD folterte und tötete im Namen der vermeintlichen Revolution Zehntausende von Afghanen, was erst zu einer Radikalisierung von weiten Teilen der Gesellschaft führte und die Rebellen, sprich, die Mudschaheddin, die von den USA, Saudi-Arabien und anderen Staaten im Kampf gegen die Sowjets unterstützt wurden, erstarken ließ. Zahlreiche Massengräber, in denen Zivilisten verscharrt wurden, sind bis heute unentdeckt. Kritiker der US-Besatzung und der afghanischen Regierung hoben in diesem Kontext bereits vor Jahren immer wieder hervor, dass der NDS auch von ehemaligen KhAD-Agenten unterwandert worden sei und dass diese es anstreben würden, ihr einstiges Terror-Regime, einen brutalen Polizeistaat, wiederzubeleben.

Was der NDS macht

Der NDS arbeitet eng mit der CIA zusammen. Es gibt in dieser Hinsicht wenig bekannte Fakten und kaum Transparenz, unter anderem auch in Fragen, die die Hierarchie betreffen. Den NDS würde es ohne den “großen Bruder” in Langley nicht geben. Doch bei vielen Operationen ist unklar, wessen Befehlsgewalt die dominante gewesen ist. Es gibt viele Indizien, die mittlerweile darauf hinweisen, dass der NDS zu einem “rogue element” und einem “Staat im Staate” geworden ist, der teilweise auch eigenständig agiert. Weitläufig bekannt sind mittlerweile die Razzien des NDS, die in den ländlichen Regionen des Landes durchgeführt werden, allen voran mit den Milizen der Khost Protection Force (KPF) sowie der Einheiten 01, 02, 03, 04 und 05. All diese Milizen werden von der CIA bewaffnet, ausgebildet und bezahlt und werden von nahezu allen Beobachtern des Afghanistan-Krieges für zahlreiche Menschenrechtsverbrechen verantwortlich gemacht. Die Milizen sind bekannt für ihre “hunt-and-kill”-Operationen, bei denen regelmäßig Zivilisten getötet werden.

Die jüngste Razzia in Kabul hat allerdings deutlich gemacht, wie selbstsicher der NDS mittlerweile in urbanen Gebieten agiert. Amer Sattar Ghorbandi wurde nicht in einem abgelegenen Dorf exekutiert, sondern mitten in der Nachbarschaft einer Millionenstadt. Die berühmt-berüchtigte 01-Einheit, die vor kurzer Zeit noch als eine Art unsichtbares Gespenst betrachtet wurde, zeigt an manchen Tagen (nicht Nächten!) offen ihre Präsenz in Kabul. Dies ist nicht verwunderlich, denn sie weiß, wie unantastbar sie mittlerweile geworden ist.