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Die Unterstützung der Leugner

In der Undercover-Recherche “Die Heartland-Lobby” zeigten “correctiv.org” und “Frontal 21” vom 4. Februar 2020, wie die mächtige US-amerikanische Denkfabrik “Heartland Institute” auch in Deutschland agiert und die Politik beeinflusst. Um Massnahmen gegen den Klimawandel zu untergraben, nutzt das internationale Netzwerk der Klimawandel-Leugner verschleierte Spenden und setzt zum Beispiel auf eine AfD-nahe Youtuberin, welche die deutsche Jugend erreichen soll.

Das Netzwerk des mächtigen “Heartland Institute” ist gross und reicht vom ehemaligen Sicherheitsberater des US-Präsidenten Donald Trump bis hin zu Lobbyisten und Youtubern aus Deutschland. Auch konservative US-Milliardäre und englische Lords sind involviert. Der Einfluss der “Heartland-Lobby” reicht bis zur Alternative für Deutschland (AfD), die den Kampf gegen den Klimaschutz im vergangenen Jahr oben auf ihre Agenda gesetzt hat – und die die Thesen der Klimawandel-Leugner in den Bundestag trägt.

AfD: Im Bett mit EIKE

Die Journalisten beginnen ihre Recherche in Deutschland. Das deutsche Pendant zum “Heartland Institute” nennt sich “Europäisches Institut für Klima und Energie” (EIKE). Der 2007 gegründete Verein gibt sich als wissenschaftlich arbeitende Denkfabrik aus und schreibt auf seiner Internetseite, die Behauptung eines menschengemachten Klimawandels sei ein “Schwindel gegenüber der Bevölkerung”. Derartige Thesen eignen sich am besten für populistische Politik und so erstaunt es kaum, dass die AfD auf die Argumente von EIKE zurückgreift und Vertreter des Vereins zu Fachkonferenzen und in Ausschüsse des Bundestags einlädt.

Zwischen AfD und EIKE gibt es auch personelle Verflechtungen: So ist zum Beispiel EIKE-Vizepräsident Michael Limburg Mitarbeiter im Büro des AfD-Bundestagsabgeordneten Karsten Hilse und schrieb unter anderem am AfD-Parteiprogramm zur Klimapolitik mit.

Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und Ultra-Religiöse

Damit die beiden Journalisten als Privatpersonen an einer EIKE-Konferenz teilnehmen können, müssen sie zuerst 220 Euro überweisen. Der Ort der Konferenz wird erst danach bekannt gegeben. Allerdings musste der Austragungsort kurz vor der Veranstaltung noch einmal geändert werden, was die meisten der Konferenzteilnehmer aber nicht abschreckt. So beobachten die Journalisten im stillgelegten Flughafen München-Riem schliesslich rund 250 Personen, die für die Konferenz der Klimawandel-Leugner anreisen. Die meisten seien ältere Männer gewesen, heisst es in der Reportage. “Einige mit Doktor- oder Professorentitel, viele in Rente.”

The transatlantic network of climate change deniers. Source: correctiv.org

Die Journalisten beschreiben die EIKE-Konferenz: Während zwei Tagen präsentieren “fast nur weisse Männer wissenschaftlich anmutende Schaubilder, Diagramme und Tabellen. Es gibt diejenigen, die sich auf der Seite der Wissenschaft wähnen, die ihre Methoden präsentieren, Versuchsreihen erklären, argumentieren und auswerten. Und dann sind da die Verschwörungstheoretiker, die Esoterikerinnen und Ultrareligiösen. Neben uns sitzt ein Mann im Publikum. Es sei gottesverachtend, sagt er, wenn der Mensch beurteile, ob etwas von Gott Geschaffenes gut oder schlecht sei. Er meint das CO2.”

Holger Thuss, der Vorsitzende von EIKE, der 2019 einen Journalisten bedroht hatte, meint, die Klimaproteste hätten “terroristische Ausmasse” angenommen. James Taylor, der Direktor für “Klimapolitik” beim “Heartland Institute”, ist ebenfalls anwesend. Er deutet die Absage des ursprünglichen Veranstaltungsorts als Eingriff in die Meinungsfreiheit.

Treffen von Klimawandel-Leugner im Schatten der Weltklimakonferenz

Es ist Taylor, der die getarnten Journalisten dann zu einer Konferenz vom “Heartland Institute” in Madrid einlädt. Da sie sich als PR-Berater einer strategischen Kommunikations-Agentur mit Sitz in Berlin ausgeben und erwähnen, dass ihre Kunden die Arbeit der Klimawandel-Leugner mit viel Geld unterstützen wollen, ist er interessiert. Denn auch wenn das “Heartland Institute” über einiges an Kapital verfügt und mächtige Politiker wie US-Präsident Donald Trump berät, ist neues Geld willkommen.

Am 3. Dezember 2019 sitzen die Journalisten in einer Hotellobby in Madrid. Nur wenige Kilometer vom Austragungsort der Weltklimakonferenz entfernt, treffen sich rund 20 Klimawandel-Leugner zum Stelldichein. Darunter zum Beispiel William Harper, emeritierter Physikprofessor und ehemaliger Sicherheitsberater von Donald Trump. Es war Harper, der 2015 einwilligte, gegen einen Stundensatz von 250 Dollar eine wissenschaftliche Abhandlung über den Nutzen von hohen CO2-Emissionen für Pflanzen zu schreiben. Dumm nur, dass die Anfrage nicht wie angegeben aus der Öl- und Gasindustrie, sondern von der Umweltorganisation “Greenpeace” kam.

Anwesend ist auch Wolfgang Müller, der Generalsekretär von EIKE, der das “Heartland Institute” als ein “Vorbild im Kampf gegen diesen Klimawahnsinn” lobt. Auch Christopher Monckton nimmt an der Veranstaltung teil. In den 1980er-Jahren beriet Monckton die britische Premierministerin Margaret Thatcher und forderte zum Beispiel, HIV-Infizierte in Quarantäne zu stecken. Heute ist Monckton für die rechtspopulistische UKIP tätig. Auf der Bühne sagt er, die Staatsvertreter der Weltklimakonferenz würden durch ihr Unwissen einen Kult des Todes fördern. Alles, worauf die Weltklimakonferenz gründe, sei grundlegend falsch.

Anonyme Spender

Nach der Konferenz bittet Taylor die Journalisten zum privaten Geschäftsgespräch. Es geht um die Modalitäten, wie die Gelder der zahlungswilligen – aber fiktiven – Kunden zum “Heartland Institute” gelangen sollen. Taylor stellt schnell klar, dass Anonymität kein Problem darstellt. Wenn der Spender nicht genannt werden wolle, gebe es in den USA einige Gruppen wie etwa die “Donors Trust”.

“Donors Trust” und “Donors Capital Trust” sind steuerbefreite Stiftungen, die Spenden von Unternehmen an konservative Denkfabriken weiterleiten. Zwar müssen sie offenlegen, an wen sie die Gelder vergeben. Woher die Spenden stammen, bleibt dagegen im Dunkeln: Als offizieller Spendername sind nur noch die Bezeichnungen “Donors Trust” und “Donors Capital Trust” aufgeführt. So verschleiern zum Beispiel Öl- oder Kohlekonzerne ihre Spenden an Anti-Klima-Kampagnen.

Ähnliches geschah wohl auch bei “Heartland Institute”: In der Vergangenheit gehörte die fossile Industrie, zum Beispiel “Exxon Mobil” und die konservativen Milliardärsbrüder Koch, zu den Grossspendern. Seit ein paar Jahren haben sie sich zurückgezogen, stattdessen gehört nun “Donors Capital Trust” zu den wichtigsten Geldgebern.

Der Werkzeugkasten der Desinformation

Taylor erklärt den beiden Undercover-Journalisten den Werkzeugkasten der Desinformation: Wie man gegen Geld Themen setzt, wie das Institut in Publikationen den nachrichtlichen Tonfall der “New York Times” oder anderer “linken Zeitschriften” imitiert und auch sonst journalistische Standards nutzt, um Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu verbreiten. Wie eng die US-Amerikaner mit Klimawandel-Leugnern aus Deutschland zusammenarbeiten. Und dass das “Heartland Institute” mit einer jungen Influencerin, einem Mitglied der AfD-Jugendorganisation, zusammenarbeiten will, um die Jugend in Deutschland zu erreichen.

Einige Wochen später schickt Taylor den Journalisten ein schriftliches Angebot. Es ist die Blaupause für eine PR-Strategie in Deutschland, die für die Öffentlichkeit nicht als solche zu erkennen sein soll. “correctiv.org” benennt das Ziel der Kampagne: “Bloss keine lästigen Klimagesetze. Diesel statt Elektroautos, Kohlekraft statt Windräder, Wachstum statt Umweltschutz. Höher, schneller, weiter. Oder auch: Weiter wie bisher.”

Das Papier, das den Journalisten nun vorliegt, ermöglicht ihnen einen Einblick in das Millionengeschäft der Klimawandel-Leugner und zeigt, wie professionell die Szene Desinformationen streut: Mit scheinbar unabhängigen Youtubern und Influencern – und auch mit Hilfe von vermeintlichen Experten und käuflichen Wissenschaftlern. Darunter zum Beispiel Peter Ferrara, Ökonom mit Harvard-Abschluss und ehemaliger Berater der US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush Senior. Sie sollen mit ihren Titeln und Abschlüssen den Thesen der Klimawandel-Leugner Glaubwürdigkeit verleihen. Gegen Bezahlung, versteht sich.

Obwohl die angebotene Kampagne in Deutschland stattfindet und Verbindungen zwischen “Heartland Institute” und EIKE bekannt sind, erwähnt Taylor den Verein nicht. Stattdessen sagt er, man werde eng und kooperativ mit den Partnern in Deutschland zusammenarbeiten. Als Vehikel für die Zahlung schlägt Taylor zwei US-Trusts vor, die Vertraulichkeit und Legalität garantieren: Donors Trust und den National Philantropic Trust.

Teurer Informationskrieg um Massnahmen zu verhindern

All das zeigt, wie international tätige Denkfabriken mit gezielten Kommunikationsstrategien Falschinformationen streuen. Sie erstellen wissenschaftlich anmutende Studien, publizieren im Internet und in Zeitschriften, veranstalten Konferenzen und lobbyieren. Dabei sind ihre Kampagnen selten als solche erkennbar. Sie kommen als journalistische Beiträge daher, im Internet geben ihnen scheinbar unabhängige Influencer ein Gesicht. Auf Konferenzen und in Interviews vertreten ältere Männer mit vermeintlich professionellem Image die nachweislich falschen Thesen und verleihen ihnen Glaubwürdigkeit. Und das Wichtigste: Die eigentlichen Drahtzieher und die Geldgeber bleiben im Dunkeln.

Obwohl es bei den meisten Wissenschaftlern seit Jahren einen Konsens darüber gibt, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird, kämpfen Klimawandel-Leugner gegen diese Wahrheit an – und nehmen dabei viel Geld in die Hand.

“Wenn es nach ihnen ginge, dann stünde Wissenschaft gegen Wissenschaft. Die Frage, ob es die menschengemachte Erderwärmung gibt, wäre dann eine Frage der Meinung – mit guten Argumenten auf beiden Seiten”, analysiert “correctiv.org”. “Nur: Kaum ein Klimaforscher oder eine -wissenschaftlerin geben ihnen Recht. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache.”