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"Chile despertó!" - Chile ist aufgewacht

Es ist Freitag in Santiago de Chile. Und wie jeden Freitag seit dem 18. Oktober 2019 strömen nach Feierabend Tausende Menschen Richtung Plaza Italia, Epizentrum der Proteste in Chile und mittlerweile kurzerhand umbenannt in Plaza Dignidad, Platz der Würde. Von Weitem jagen einem Tränengasschwaden das Wasser in die Augen. Doch unbeirrt wandern Tausende Menschen aus allen Richtungen zum zentralen Platz des Unmuts. Zerstörte Busstationen, vollgesprayte und bemalte Wände, verbarrikadierte Schaufenster zeugen von den wochenlangen Protesten, die Chile in einen unruhigen Ausnahmezustand versetzen.

Wachsende Kluft zwischen Arm und Reich

“Estallido social”, sozialer Ausbruch, wird die Gesamtheit der Protestbewegung genannt. Auslöser war eine Preiserhöhung der Metro-Tickets um 30 Pesos, rund 4 Rappen. Darauf reagierten Schüler und Studenten mit Blockaden der Metro-Stationen, die der Staat mit harter Polizeirepression zu unterdrücken versuchte. Doch die Preiserhöhung war nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mittlerweile entlädt sich in den Demonstrationen der generelle Unmut gegenüber einem der neoliberalsten Systeme Lateinamerikas.

Fortschritt und ein konsumorientierter Lebensstil eines Teils der Bevölkerung verschleiern die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich. Immer mehr Chileninnen und Chilenen schlittern in die Armut ab. Viele wissen nicht, wie sie den nächsten Monat über die Runden kommen sollen. Gleichzeitig ermöglicht das System der Bevölkerung praktisch keine Partizipation an politischen Entscheidungen. Meldungen über Korruptions- und Kollusionsfälle in der Politik und unter Grosskonzernen schüren zusätzlich die Wut über die politische Klasse und die Wirtschaftselite.

Hinzu kommt: Der rücksichtslose Umgang mit der Natur beschäftigt zunehmend das chilenische Volk. Laut Lorena Donaire, Direktorin der Umweltorganisation Modatima, ist die Sorge um ein immer fragiler werdendes Ökosystem und die damit verbundene Kritik an der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen ein herausstechendes Element der Aufstände. Die Privatisierung des Bodens und des Wassers haben Chiles Landwirtschaft in ein exportorientiertes Business verwandelt, welches das traditionelle bäuerliche Leben verdrängt. Staudämme und riesige Plantagen prägen vielerorts das Landschaftsbild.

Nicht zuletzt resultiert der soziale Aufstand aus den jahrelangen Bemühungen und Kämpfen verschiedenster basisorientierter Gruppen, erläutert Francisca Fernández, Anthropologin und Mitglied der Coordinadora Feminista 8 de Marzo: “Sozio-ökologische Bewegungen, indigene Völker wie die Mapuche, Studentenbewegungen und feministische Gruppen präsentieren seit Jahren Alternativen zum neoliberalen System.” So haben die Proteste in Chile keine einheitliche Botschaft, sie sind vielmehr Ausdruck einer tiefen Unzufriedenheit mit dem neoliberalen Gesellschaftssystem.

Blutige Krawalle

Die massive Gewalt, mit der Polizei und Militär gegen Demonstrierende vorgingen, weckte Erinnerungen an die Militärdiktatur Pinochets. Insbesondere die kurzfristige Mobilisierung der Armee zur Unterstützung der Polizei und die Ausrufung einer Ausgangssperre am 18. Oktober zeugen vom Willen, die protestierende Masse mit allen Mitteln mundtot zu machen. Nationale und internationale Organisationen warfen den Sicherheitskräften zahlreiche schwere Menschenrechtsverletzungen vor, die ein UNO-Bericht dokumentiert hat und ebenfalls scharf kritisierte.

Ein tränendes Auge ist eines der Hauptsymbole der Proteste. Es soll an die mehr als 400 Menschen erinnern, die während der Demonstrationen durch Gummigeschosse der Polizei am Auge verletzt wurden. Über 20.000 Festnahmen, mehr als 10.000 Verletzte, Foltervorwürfe, sexuelle Übergriffe und mittlerweile 29 Tote sind die traurige Bilanz der Repression.

Clouds of tear gas flow through the street.

Die Protestierenden sind mittlerweile gut gewappnet, wie sich an einem anderen Freitag zeigt, an dem die Staatsgewalt mit über 1000 Polizisten die Proteste verhindern will. Die meisten Demonstrierenden sind vermummt oder mit Schutzmasken und -brillen ausgerüstet. Selbstgebastelte Schilder schützen vor Gummigeschossen und Wasserwerfern. Sanitätsteams kümmern sich um die Verletzten. Gut ausgerüstete Demonstranten lindern den brennenden Reiz der Tränengasbomben in Wasserbehältern, während Andere Steine aus dem Trottoir brechen, um Wurfgeschosse gegen die Polizeiwand zu liefern. Überall brennen Barrikaden und unzählige Strahlen von Laserpointern zünden direkt auf die Frontscheiben der Wasserwerfer. Batucadas, wandernde Perkussionsgruppen, und Linsensuppe stärken die Moral der Protestierenden.

Die Repression der Sicherheitskräfte bekommt vor allem die “Primera Línea” zu spüren, die erste Linie, wie die zur Konfrontation bereiten Demonstranten genannt werden. Diese erwidern die Gewalt und werden von den konventionellen Medien und der Politik dementsprechend attackiert. Innerhalb der Protestbewegung geniesst die Primera Línea allerdings eine grosse Anerkennung, da sie die Demonstrationen überhaupt ermöglicht.

“Die Primera Línea spielt eine fundamentale Rolle innerhalb der Proteste”, sagt die Feministin Francisca Fernández. Sie legitimiere die Gewalt als manchmal einzige mögliche Form des Widerstands und ermögliche dadurch gleichzeitig, dass viele andere ihren Protest auf die Strasse tragen können. Die direkte Aktion, die bisher hart kriminalisiert wurde, konnte so als eine politische Aktionsform legitimiert werden.

Verschiedene Formen des Protests

Die Demonstrationen sind nur ein Gesicht der Protestbewegung. Eine der wichtigsten Errungenschaften der Proteste sind die “Asambleas Territoriales”, die lokalen Versammlungen. Abseits der Öffentlichkeit treffen sich die Leute in den Quartieren und beginnen sich zu organisieren. “Seit den Protesten kenne ich fast alle Nachbarn”, erzählt eine Bewohnerin eines Vororts von Santiago. An Quartierfesten und -versammlungen wird zur Solidarität aufgerufen und zur selbstverwalteten Organisation unter den Bewohnern des Quartiers. Es spielen solidarische Musikgruppen, und die OrganisatorInnen verteilen Essen. Bereits existierende “Asambleas” oder Organisationen erhielten starken Aufwind.

Die Botschaft, die diese Initativen ausstrahlen, tönt einfach: Selbstverwaltung. Den Alltag wieder in die eigenen Hände nehmen. So beispielweise in der Inselstadt Ancud, im Süden Chiles, wo das öffentliche Kulturhaus kurzerhand besetzt und in einen Treffpunkt für die gesamte Bevölkerung umgewandelt wurde. Seither finden dort täglich Workshops, Veranstaltungen und Sitzungen statt. Der Durst nach direkter sozialer Organisation ist fast fassbar zu spüren und geht meist als Impuls der jungen Generationen aus.

A peaceful form of protest: a music group is playing

Eher kämpferischer Natur sind die Besetzungen verschiedener Universitäten und Schulen. Nicht nur in der Küstenstadt Valparaiso, wo die Proteste besonders heftig sind, werden am Tag der Aufnahmeprüfungen für die Universitäten die Eingänge der Prüfungslokale blockiert. Im ganzen Land sabotieren protestierende Schüler die als ungerecht angesehenen Klausuren – eine Form der Kritik am gesamten Bildungssystem.

Der Angriff auf Banken und Supermärkte, die in verschiedenen Städten zerstört oder geplündert wurden, widerspiegelt den antikapitalistischen Ansatz der Proteste und hinterlässt ganze Einkaufsstrassen mit verbarrikadierten Schaufenstern. Sogar in den kleinsten Städten sind die Eingänge zu den Banken mittlerweile mit Stahlwänden geschützt. In Santiago wurden Hochhäuser angezündet, die Grosskonzernen gehören. Unzählige Sprüche und Aufrufe zu zivilem Ungehorsam zieren die Wände der meisten grösseren Innenstädte.

Was bleibt hängen?

Alle diese verschiedenen Protestformen haben mit der staatlichen Repression zu kämpfen. Von der Räumungsandrohung des Kulturhauses in Ancud, den ätzenden Substanzen, die in den Wasserwerfern in Santiago eingesetzt werden, bis zu den neuen Gesetzen, die die Protestierenden mit absurd hohen Strafen belegen, versuchen die staatlichen Instanzen, die Proteste mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen.

Die sozialen Veränderungen, die mit den Protesten eingeläutet wurden, sind jedoch nicht zu übersehen. Die lokalen “Asambleas”, die direkten Aktionen, das Streben hin zur Selbstverwaltung, die Ablehnung jeglicher partei-politischer Repräsentation: Dies alles sind Initiativen, die sich an anarchistischen Prinzipien orientieren, obwohl sich nur ein gewisser Teil der Protestierenden als Anarchisten identifiziert. Sie zeugen jedoch alle vom Willen der Bevölkerung, ihre Schicksale und ihren Alltag wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Clothes hang out to dry in the destroyed metro station.

Der Gang durch die Innenstadt Santiagos am Morgen nach einer Demonstration gleicht einer apokalyptischen Vision. Zerstörte Bus- und Metrostationen, abgebrannte Häuser, vom Feuer aufgeplatzter Asphalt, überall Steine und Glassplitter, heruntergerissene Ampeln. Das Szenario öffnet aber gleichzeitig Raum für neue Möglichkeiten. Wohltuende Merkmale fallen einem auf: keine einzige Werbetafel, farbig bemalte Wände, mehr Freiheit für die Fussgänger. Die Menschen beginnen sich wieder wahrzunehmen und die Solidarität scheint ein fassbares Prinzip zu werden, nicht nur an den Demonstrationen, sondern auch in den Quartieren zwischen den Nachbarn. Und eines ist nicht zu übersehen: Der an vielen Wänden sichtbare und aus vielen Mündern hörbare Ausruf: Chile despertó! Chile ist aufgewacht!