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Schmutziges Kobalt: Konzerne auf der Anklagebank

Kaum eine Arbeit ist für Kinder so gefährlich wie die Arbeit in den Minen der Demokratischen Republik Kongo (DRK). Vor allem Kobalterz, das sie dort fördern, ist begehrt. Verarbeitet wird es unter anderem in Elektronikbauteilen und vor allem in Batterien. Ohne Kobalt würde der Motor der Digitalgesellschaft nicht mehr laufen – ganz wörtlich.

Wenn Sie uns gerade auf dem Handy lesen, tippen Sie sehr wahrscheinlich auf einem Produkt von Kinderarbeit herum, wenigstens zu einem kleinen Teil. Ohne Kobalt gäbe es keinen aufladbaren Akku. Es sei denn, Sie nutzen ein “Fairphone”. Und nicht einmal dann können Sie sicher sein. “Fairphone” gibt sich nach eigenen Angaben zwar Mühe, Kinderarbeit beim Bezug von Materialien wie Gold, Kupfer und Kobalt auszuschliessen, räumt aber ein, dass das nicht immer möglich ist.

Die digitale Gesellschaft lebt zum Teil auf Kosten von Kindern

Geschieht ein Unfall, sind die Kinder und ihre Familien meist auf sich selbst gestellt. Im Dezember 2019 klagten Eltern und Kinder aus der Demokratischen Republik Kongo deshalb vor einem US-Gericht auf Schadenersatz. Die 14 Kläger haben Kinder durch Unfälle verloren oder sind nach Unfällen mit schweren Verletzungen dauerhaft eingeschränkt.

Mindestens drei Fünftel des weltweit verbrauchten Kobalts kommen aus der DRK, wo es sowohl im Kleinbergbau wie auch von grossen Unternehmen gefördert wird. Gemäss Prognosen wird der Kobaltbedarf weiter ansteigen und sich bis 2026 etwa verdoppeln. Ein Grund dafür: In den Akkus von E-Autos ist kiloweise Kobalt verbaut. Auf Kosten der Gesundheit von Kindern, die die gefährliche Dreckarbeit machen. Diejenigen, die an den Endprodukten verdienen, tragen zumindest einen Teil der Verantwortung, sagen Anwälte in den USA und klagen die grossen Tech-Unternehmen an.

Kobalt steckt in fast allem

Wenn Sie gelegentlich Berichte über Kinderarbeit verfolgen, müssen Sie wissen, dass auch Ihr Fernseher, Ihre Küchenmaschine und etliche andere Gebrauchsgegenstände Bausteine enthalten, in denen mit grosser Wahrscheinlichkeit Kinderarbeit steckt. Kinderhände bauen nicht nur Kobalt und Kupfer ab, sie fertigen auch Elektronikteile und schlachten Elektroschrott aus. Die Hersteller, so ist anzunehmen, wissen das auch.

Die Klage richtet sich, und das ist einigermassen spektakulär, gegen fünf Top-Unternehmen des Silicon Valley: Apple, Alphabet (Mutterkonzern von Google), Dell, Microsoft und Tesla. Alle fünf verwenden Kobalt aus dem Kongo. Und von diesem sagt selbst “Fairphone”, wegen des teilweise informellen oder illegalen Bergbaues und der Verhältnisse in der DRK sei es nicht möglich, Kinderarbeit bei der Produktion ganz auszuschliessen.

Für täglich einen Dollar in der Mine schuften

Die Anklageschrift legt die Verhältnisse offen, unter denen in den offiziellen Minen Kobalt gefördert wird. Einer der Kläger, deren Namen zu ihrer Sicherheit anonymisiert sind, klagt beispielsweise auf Schadenersatz nach dem Unfall seines Sohnes. “John Doe 4” fing mit elf Jahren an, in den Minen zu arbeiten. Pro Tag verdiente er einen Dollar.

Als er 16 war, tötete eine einstürzende Grube seinen Bruder und zertrümmerte sein Bein. Er kann es seither nicht mehr benutzen. Ein anderer ist nach einem schweren Unfall querschnittsgelähmt, ein dritter wird mit verletzten Beinen und zertrümmerter Hüfte nie wieder arbeiten können. Unterstützung bekommen sie und ihre Familien nicht. Die Rechnungen für die Behandlung können sie kaum bezahlen.

Die Herkunft des Erzes wird schon bei der Aufbereitung verschleiert

Einige Kläger im Verfahren gegen die US-Tech-Giganten oder ihre Kinder arbeiteten für das Schweizer Unternehmen Glencore und seine Subunternehmen. Glencore verkauft das Kobalterz an das belgische Unternehmen Umicore, das das aufgearbeitete Erz seinerseits an Apple, Alphabet, Samsung und weitere grosse Unternehmen weitergibt. Dabei mische es Kobalt aus unverdächtigen Quellen mit solchem aus Kinderarbeit und verschleiere auch auf anderen Wegen dessen Herkunft, sagen die Klägervertreter. Andere Firmen arbeiteten für Zhejiang Huayou Cobalt, das mindestens an Apple, Dell und Microsoft liefert.

Die Angeklagten kennen die Realität: Der Kobaltbergbausektor der Demokratischen Republik Kongo ist von Kindern abhängig.

Bei der Klage geht es zwar auch um Schadenersatz, aber vor allem darum, wie viel Verantwortung Wissen mit sich bringt. “Die Angeklagten kennen die Realität, dass der Kobaltbergbausektor der Demokratischen Republik Kongo von Kindern abhängig ist, und wissen dies schon seit geraumer Zeit”, heisst es in der Anklageschrift der US-Organisation “International Rights Advocates” (IRA). Die Anwälte werfen Google, Apple, Tesla vor, “wissentlich den grausamen und brutalen Einsatz von Kindern in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) zum Abbau von Kobalt zu begünstigen und zu unterstützen”. Wenn es etwas wie “Beihilfe zur Menschenrechtsverletzung” gibt, ist das die Formulierung dafür.

Ein Fonds, um Menschenrechte zu reparieren

Auch wenn die verarbeitenden Unternehmen mehr tun könnten, sehen Experten es als schwierig an, Kinderarbeit im Kongo zu bekämpfen. Wie in vielen rohstoffreichen Ländern ist die Bevölkerung teilweise sehr arm. Ein weiteres Hindernis ist Korruption – Kontrollen im Kongo sind schwierig bis aussichtslos. Ein Verbot, das auch durchgesetzt würde, würde Kinderarbeiter und ihre Auftraggeber wohl nur weiter in die Illegalität treiben. Länder, in denen die politische Lage weniger problematisch ist, wie etwa Australien, produzieren zu wenig Kobalt, als dass man auf ihre Produktion ausweichen könnte.

Das wissen auch die “International Rights Advocates”. Sie fordern einen Fonds, der sich zumindest der Opfer von Minenunfällen und ihrer Hinterbliebenen annimmt und die Behandlung von Gesundheits- sowie Umweltschäden durch Kobaltabbau bezahlt. Kobalt kommt im menschlichen Körper zwar natürlich vor, in grösseren Dosen ist es jedoch gesundheits- und umweltschädlich. In anderen Teilen der Welt würden diese Bedenken allein ausreichen, um eine Mine sicherer zu machen oder ganz zu schliessen.

Ausbeutung, die keinesfalls im Verborgenen stattfindet

Nach Schätzungen von UNICEF arbeiten um 30‘000 bis 40‘000 Kinder in den Minen der Demokratischen Republik Kongo. Nicht alle verrichten schwere Arbeit und nicht alle Kinder sterben dabei oder haben schwere Unfälle. Aber fast alle arbeiten für zwei bis drei Dollar pro Tag. Von den Gewinnen der Zulieferkette kommt bei ihnen kaum etwas an. Arbeitsschutz existiert quasi nicht, Arbeitskleidung schon gar nicht. Gegraben wird mit allem, was sich eignet. Einige müssen schwere Lasten tragen und in unsicheren Tunneln arbeiten.

Ihre Arbeit findet keinesfalls im Verborgenen statt. Schon fünf Fahrtminuten von der Stadt Kolwezi im südlichen Kongo entfernt könne man leicht Kinder finden, die in den Minen arbeiten, gibt der “Amnesty International”-Mitarbeiter Mark Dummett im “Guardian” an. Die IRA klagen unter anderem in den USA, weil “dort die Entscheidungen getroffen werden, die die von den Klägern erlittenen Schäden begünstigen”.