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Taz das Springer Nebenbüro

Ihre Freude über die abgesagte Parade am 9. Mai in Moskau wollte die “taz” kürzlich nicht verbergen:

Es sollte groß werden, pompös, eine Riesenparty. Noch größer, noch pompöser, noch riesiger als je zuvor. (…) Alle Feiern zum 75. Jahrestag des Sieges über das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg sind erst einmal abgesagt. Der Aufmarsch auf dem Moskauer Roten Platz in Moskau ist ein Teil der patriotischen Erziehung im Land, die den Sieg als militärischen Heroismus feiert und die Stärke der Sowjetmacht unterstreicht.

Opfer und Gewalt treten bei diesem Weltkriegsnarrativ in den Hintergrund. Ein Narrativ, das nur eine “Wahrheit” kennt und die Verteidigung dieser in die veränderte Verfassung hineingeschrieben hat. Kritik wird zu einem Verstoß gegen das Grundgesetz.

Es tut weh, in einer deutschen Zeitung, die auch von vielen Linken und Friedensfreunden gelesen wird, so viel Häme, Lüge und Anmaßung zu lesen.

Müssen die #Russen sich erstmal von #Stalin distanzieren, bevor sie ihren Sieg feiern dürfen? Sollen sie endlich einen Schlussstrich ziehen und nicht an den größten Krieg der Menschheitsgeschichte erinnern, damit die #Nato ohne moralische Skrupel mit ihren #Kriegsvorbereitungen weitermachen kann?

Nein, es wurden nicht “alle Feiern abgesagt”. Die Russen und Russinnen feiern jetzt zuhause, wie sie es seit Jahrzehnten gemacht haben. Außerdem wurde die Parade nur verschoben. Das heißt, sie kommt auf jeden Fall.

Es gab auch zwischen 1948 und 1964 keine #Militärparade auf dem Roten Platz. Denn die Menschen hatten anderes zu tun. Das zerstörte Land musste wieder aufgebaut werden. Jetzt muss erstmal das Corona-Virus besiegt werden. Ist das nicht ein sehr humanes Herangehen?

Die Parade am 9. Mai ist kein “Teil der patriotischen Erziehung”, sondern Ausdruck von berechtigtem Stolz über den unter größten Opfern errungenen Sieg. Niemand hat in den vergangenen Jahren Millionen Russen gezwungen, sich am 9. Mai an den Märschen mit den Porträts der Kriegsteilnehmer aus der eigenen Familie zu beteiligen. Die Demonstranten, die an den Demonstrationen des “Unsterblichen Regiments” teilnahmen, hätten alle auf die Datscha fahren können. Das haben sie aber nicht gemacht. Stattdessen haben sie zusammen mit Hunderttausenden auf den Straßen von Moskau und anderer Städte gefeiert und Lieder der Roten Armee gesungen.

Nach Meinung der “taz” dürfen die Russen ihren Sieg erst feiern, wenn sie im “richtigen System” leben.