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Codename Cherokee

Vor 40 Jahren, im Mai 1980, schlug das südkoreanische Militär mit Wissen und Billigung Washingtons den Volksaufstand in der südwestlichen Stadt Gwangju brutal nieder. Zehn lange Tage, vom 18. bis zum 27. Mai 1980, währte der Blutrausch, der bis heute die Gemüter – vor allem in der Republik Korea (Südkorea) – aufwühlt. Dort gilt der 18. Mai als “Tag für den demokratischen Aufstand”, an den während zahlreicher Gedenkveranstaltungen feierlich erinnert wird.

Vorbemerkung

Im Mai 1980 protestierten in zahlreichen Städten Südkoreas die Menschen für bessere Lebensbedingungen, kürzere Arbeitszeiten, für Freiheit und Demokratie. Zu lange hatte eine Militärjunta unter Führung Park Chung-Hees, der während des Zweiten Weltkriegs als Kollaborateur der verhassten Kolonialmacht Japan ausgerechnet in dessen kaiserlicher Armee als Offizier gedient hatte, dem Land gewaltsam ihren Stempel aufgedrückt. Dissens, Protest und Widerstand erstickten Parks Schergen bereits im Keim.

Ende Oktober 1979 wurde der Präsident selbst Opfer seiner Soldateska, erschossen vom eigenen Geheimdienstchef. Das kurze politische Tauwetter endete jedoch mit einem Blutbad. Bis zum Frühjahr 1980 etablierte Chun Doo-Hwan seine Macht – auch er ein General. Zu heftig, befand die Militärclique um Chun, hatten die Menschen, vor allem im Südwesten des Landes und in der Stadt Gwangju, nach Demokratie verlangt. Abkommandierte Eliteeinheiten schlugen schließlich die wütenden Proteste der Stadtbewohner nieder und übernahmen am 27. Mai 1980 wieder die Kontrolle über die City. Das Regime sah die “nationale Sicherheit” gefährdet und befürchtete, Nordkorea könnte die instabile Lage zu seinen Gunsten ausnutzen. Mit der Alternative konfrontiert, für Freiheit und Menschenrechte oder die Wahrung eigener – vorrangig militärstrategischer – Interessen einzustehen, entschied sich die langjährige “Schutzmacht” USA auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges für Letzteres.

Die Wunden von Gwangju sind bis heute nicht vernarbt. Viele Menschen in Südkorea leiden unter den posttraumatischen Auswirkungen der brutalen Niederschlagung des Aufstands im Mai 1980. Zahlreiche Gedenkfeiern erinnern alljährlich an das furchtbare Geschehen. Doch gleichzeitig ist mit dem Namen Gwangju auch der Beginn einer neuen Ära ebenso breiter wie vitaler Bewegungen für Demokratie auf der 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer geteilten koreanischen Halbinsel verbunden.

Nach einem kurzen demokratischen Frühling …

In den 1960er und 1970er Jahren erlebte die Republik Korea (Südkorea) eine rasante, staatlich gelenkte industrielle Entwicklung. Zweistellige Wachstumsraten pro Jahr waren die Regel. Zwar entstand langsam eine Mittelschicht in den städtischen Zentren. Doch die Masse der Bevölkerung hatte unter Kriegsrecht zu leiden und keinen Anteil an dem neuen Reichtum. Den teilten die Vertreter der chaebol, der mächtigen Finanz- und Wirtschaftskonglomerate und der politisch-militärischen Führungsriege um General Park Chung-Hee, der das Land mit eiserner Faust regierte, unter sich auf. 1979 kam es nach Jahren martialisch verordneter Ruhe landesweit zu Protestmärschen und Streiks: Dem Ruf nach Demokratisierung, verbesserten Arbeits- und Lebensbedingungen, Versammlungs- und Organisationsfreiheit und Wiedervereinigung mit Nordkorea schlossen sich nunmehr auch bürgerlich-gemäßigte – doch politisch ausgegrenzte – Kräfte um die bekannten Oppositionspolitiker Kim Dae-Jung und Kim Young-Sam an.

Schließlich residierte im Weißen Haus mit James Earl (Jimmy) Carter (1977-81) ein US-Präsident, der nicht nur oberster militärischer Schutzpatron über den Süden der geteilten koreanischen Halbinsel war, sondern die weltweite Wahrung und Durchsetzung der Menschenrechte, zumindest bei seinem Amtsantritt, zur Maxime seiner Politik deklariert hatte. Präsident Park wurde unter solchen Bedingungen selbst unter den Herrschenden immer mehr zur Hypothek. Innerhalb des südkoreanischen Machtapparates hatte er die Fähigkeit einer integrativen Leitfigur eingebüßt. Am 26. Oktober 1979 wurde Park von seinem eigenen Geheimdienstchef Kim Jae-Kyu erschossen.

Anschließende Unruhen im Lande und innermilitärische Friktionen wusste eine Gruppe um Generalleutnant Chun Doo-Hwan geschickt für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Mitte Dezember 1979 putschte Chun mit seinen Getreuen gegen die damalige Militärführung, die ihm zu lasch erschien, stellte den Sicherheitschef Chung als Komplizen des Tyrannenmords vor Gericht und rächte Parks Tod, indem er den Attentäter Kim Jae-Kyu und vier Mitverschwörer hängen ließ. Seine eigene Macht vervollkommnete der neue “starke Mann” im April 1980, als er überdies die Führung des mächtigen Geheimdienstes KCIA, des südkoreanischen Pendants des US-amerikanischen CIA, an sich ziehen konnte. Da Chun bereits den militärischen Sicherheitsdienst kontrollierte, besaß er eine bis dahin unerreichte Machtfülle, die ihn prädestinierte, schließlich selbst ins Blaue Haus, den Amtssitz des Präsidenten, einzuziehen und so den schwachen Übergangspräsidenten Choi Kyu-Hah abzulösen.

… folgte die unumschränkte Macht der Generäle

In den sechs Monate währenden Wirren seit der Ermordung Park Chung-Hees waren Großdemonstrationen in zahlreichen Städten an der Tagesordnung. Im Lande herrschte eine Aufbruchstimmung. Vor allem die Studentenschaft, die niedrig bezahlten, geschurigelten Industriearbeiter und in der Illegalität oder Halblegalität arbeitende Gewerkschafter und Gemeindemitarbeiter der Kirchen drängten auf demokratische Verhältnisse. Die Presse schrieb so frei wie nie seit 18 Jahren unter Park, politische Gefangene wurden entlassen. Die Universitäten erhielten mehr Autonomie und die Opposition konnte sich relativ frei äußern.

Am 20. Mai 1980 sollte das Parlament über den Oppositionsantrag zur Aufhebung des Kriegsrechts abstimmen. Das ging den Militärs dann doch zu weit. Sie wussten die Abstimmung zu verhindern und verhängten zwei Tage zuvor verschärftes Kriegsrecht, schlossen Parlament, Parteibüros und Universitäten, verboten jede politische Betätigung und warfen Hunderte Oppositionelle, aber auch einige Rivalen der Militärführer aus dem Regierungslager, ins Gefängnis. Ihre Begründung: Die Sicherheit des Landes sei in Gefahr, verdächtige Truppenbewegungen entlang des 38. Breitengrads, der Grenze des geteilten Landes, seien ausgemacht worden, was das Oberkommando der US-amerikanischen UN-Truppen in Südkorea aber dementierte.

Der Oppositionspolitiker Kim Dae-Jung (von 1998 bis 2003 Präsident des Landes), der schon unter Park im Gefängnis gesessen und die meisten Anhänger in der Arbeiterschaft hatte, wurde erneut hinter Gitter gesperrt. Kim Jong-Pil, stockkonservativer Vorsitzender der Regierungspartei der Republikaner, der 1961 Parks Machtergreifung maßgeblich mitorganisiert hatte, wurde “wegen Korruption” verhaftet. Kim Young-Sam, Vorsitzender der Oppositionspartei, wurde unter Hausarrest gestellt. Das entmachtete Kabinett trat geschlossen zurück.

Kim Dae-Jung stammte aus der südwestlichen Provinz Süd-Cholla (Cholla Namdo), in deren Hauptstadt Gwangju die heftigsten Demonstrationen gegen die Willkürmaßnahmen der Militärs stattfanden. Traditionell war Cholla von der Zentralregierung vernachlässigt worden; bei staatlichen Entwicklungsvorhaben wurde die Region immer zuletzt bedacht, während ihre Bürger überproportional mit Steuern und anderen Abgaben belastet wurden. Im Mai 1980 machten 200.000 Bürger und Studenten der Stadt, gut ein Viertel der damaligen Gesamtbevölkerung, in friedlichen Umzügen ihrem Ärger über die Mächtigen in Seoul Luft. Erst das brutale Eingreifen einer Eliteeinheit von Fallschirmjägern führte zu gewalttätigen Straßenschlachten, in deren Folge zahlreiche Personen getötet und verwundet wurden. Die Lage radikalisierte sich sehr rasch. Studentinnen wurden auf offener Straße nackt ausgezogen und mit Bajonetten erstochen, anderen die Brüste abgeschnitten. Verletzte wurden in Krankenhäusern vom Operationstisch gerissen und aus dem Fenster geworfen. Solche Gräueltaten brachten Gwangjus Bürger schließlich dazu, Waffen- und Munitionsdepots zu stürmen und die “Freistadt Kwangju” auszurufen. Aus friedlichen Demonstrationen wurde bewaffneter Aufstand, die Truppen flohen aus der rebellischen Stadt.

Danach erlebte Kwangju sechs Tage trügerischer Freiheit. Die erbeuteten Waffen wurden eingesammelt und im Regierungsgebäude gelagert, wo sich auch eine provisorische Verwaltung etablierte. Die aktiven Rebellen fanden vielfache Unterstützung. Eine Lösung des Konflikts durch Dialog statt Konfrontation propagierte Präsident Choi Kyu-Hah in einer Fernsehansprache, während der Belagerungsring um Gwangju immer enger zusammengezogen wurde. “Äußerste Milde” versprach er und “keine Racheakte” des Militärs. Als die Truppen in der Nacht zum 27. Mai das Stadtzentrum stürmten, jedes Haus durchsuchten, Hunderte verhafteten (darunter zehnjährige Kinder), waren alle Versprechungen hinfällig. Wieder herrschte brutalste Gewalt. Trotz alledem gaben die Einwohner Gwangjus nicht auf. Unmittelbar nach dem Truppeneinmarsch demonstrierten erneut 40.000 Menschen auf den Straßen.

Sie herrschten durch Mord und Grausamkeit – Erstickter Widerstand des Volkes

Hier Notizen und Berichte von Zeitzeugen, die das Massaker überlebten:

Eine hochschwangere Frau, die kurz vor ihrer Entbindung stehen musste, wurde von zwei Soldaten der militärischen Sondereinheiten wie ein Hund die Straße entlang gezerrt. “He, du Hure, was hast du denn in deiner Tasche?”, rief einer. Ich verstand diese Frage zuerst nicht, da die Frau nichts in den Händen trug und auch ihr Kleid, soweit ich sah, keine Taschen hatte. “Weißt du Scheißhure nicht, ob es ein Rotzer oder eine Pisserin ist?” Erst als der zweite Soldat diese Frage stellte, verstand ich. Ich konnte zwar die leise Stimme der Frau nicht hören, aber wahrscheinlich sagte sie so etwas wie: “Ich weiß es nicht.” “Dann zeige ich es dir.” Mit diesen Worten riss ihr einer der beiden Soldaten, ohne ihr weiter Zeit zur Antwort zu geben, das Kleid vom Leib und sie stand splitternackt da, der andere Soldat stach mit dem Bajonett in sie hinein und ich musste sehen, wie ihre Eingeweide herausquollen. Dann schlitzten sie ihren Unterleib auf, rissen den Fötus heraus und warfen ihn auf sie; sie lebte offensichtlich noch. Die Leute, die diese unglaublich brutale Szene miterleben mussten, wandten sich vor Wut schäumend und zitternd ab.

Ich machte meine Augen zu und biss mir in die Zunge; ich war wie gelähmt. Als ich meine Augen wieder öffnete, waren die Soldaten und die Leiche verschwunden. Einer der Männer neben mir sagte: “Die Soldaten haben sie wie Abfall in einen Sack gesteckt und mit der Müllabfuhr wegfahren lassen.” Ich begann mich zu schämen, weil ich diese Grausamkeit ganz still aus meinem Versteck mit ansah, um mein eigenes Leben zu retten. Ich war von mir selbst maßlos enttäuscht, als ich mich als solchen Feigling erleben musste. Die Leute neben mir schlichen sich davon und verschwanden nacheinander.

Schreie aus allen Richtungen und Ecken, Schmerzgebrüll und Todesschreie, Menschenschreie. Die Erde schien ihre Poren zu öffnen und langsam das Blut aufzusaugen, das aus dem Freiheitsgeist der jungen Menschen herausgesaugt wurde. Der Himmel drohte manchmal unter der Gewalt der Schreie zu bersten.

Ich rettete mich in ein Gebäude, als ich plötzlich beim Eintreten ein Gewehr an meiner Schulter spürte. Zum Glück hatte jemand unmittelbar vor mir das Haus betreten und in diesem Moment eine Gittertür herabgelassen, so dass ich um Sekunden den Kolbenhieben des Soldaten auf meinen Kopf entging. Zum ersten Mal in meinem Leben erlebte ich hautnah, was Todesnähe bedeutet. Ich befand mich dort nicht allein und spähte zusammen mit anderen Flüchtlingen ängstlich wie eine Maus durch das Gitter auf die Straße. Überall Schüsse, scharfe Messer, Eisenkeulen, allenthalben grausames Morden. Alte und Junge, Studenten und Bürger, unterschiedslos wurde auf sie alle eingeschlagen, eingestochen und geschossen.

In diesem Augenblick wurde meine Aufmerksamkeit auf einen etwa 70-jährigen Mann gelenkt, der von einem Soldaten mit einer Eisenkeule wilde Schläge auf den Kopf erhielt und aus dessen Mund Blut wie aus einer Fontäne spritzte. Lautlos stürzte er zu Boden. Ich wusste nicht, was zu tun war und setzte mich einfach völlig hilflos auf die Steintreppe.

Das Sterben einer Stadt

Der 19. und 20. Mai 1980 waren die Tage, an denen die schöne, idyllische Stadt Gwangju, die so viele demokratische Persönlichkeiten hervorgebracht hat, zum blutigen Schlachtfeld wurde. Als ich an jenem Tag sah, wie schnell der Expressbus die Passagiere ausspuckte, um sich in Sicherheit zu bringen, da ahnte ich, wie ernst die Lage geworden war. Ich warf mich erschöpft auf den Rücksitz eines Taxis und sagte dem Fahrer, er solle mich zum Regierungsgebäude fahren. Der reagierte darauf so heftig, dass ich fast Mitleid mit ihm hatte. Er bremste jäh ab und deutete mit unmissverständlicher Geste an, dass ich dorthin gefälligst zu Fuß zu gehen habe. So stieg ich aus und ging in Richtung Im-dong weiter. Bald sah ich ausgebrannte Polizeistationen, wie man sie nur nach Kriegen sieht, und überall bewaffnete Soldaten, so dass man sich an der Front glaubte.

Die Volksmenge flüchtete Hals über Kopf in die Gassen, Teehäuser, Restaurants, Geschäfte und Häuser. Die Soldaten hatten blutunterlaufene Augen und schienen wie Blutegel Blut einzusaugen, schossen, stachen und schlugen mit Eisenkeulen wild um sich. Rings um sie herum fielen die Leute reihenweise zu Boden. Diese Soldaten schienen eine unbegrenzte Mordlizenz in der Tasche zu haben. Immer wieder musste ich solche brutalen Szenen mit ansehen, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte. Benutzen diese Menschen wirklich dieselbe Sprache wie ich? Nicht einmal nordkoreanische Guerilleros könnten so grausam sein.

Da schrien Flüchtende, die Zeugen des Gemetzels waren, vor blinder Wut auf. Einer machte sich zum Wortführer und brüllte: “Liebe Mitbürger, wir müssen uns jetzt erheben, bevor all unsere Kinder sterben. Ergreift Hacken und Stangen und was ihr sonst noch zu fassen kriegt, aber nehmt den Kampf auf!” Er fand spontane Zustimmung, die Menge formierte sich. Innerhalb kurzer Zeit sah man Leute mit Stangen und Knüppeln bewaffnet, ohne dass man sagen konnte, woher diese so schnell kamen. Das noch kurz zuvor gejagte und gehetzte Volk widersetzte sich nun entschlossen den Soldaten. Der Spieß war förmlich umgedreht worden.

  1. Mai. Die ganze Nacht hindurch hörte man Schüsse, wie man dies sonst nur aus Kriegsfilmen kennt. Inzwischen verbreitete sich die Kunde, dass die Sondereinheiten des Überfallkommandos abgezogen worden waren. Ein Offizier ließ später verlauten, dass es innerhalb dieser Spezialtruppen ernste Auseinandersetzungen gegeben hatte. Einer dieser Soldaten, er stammte aus der Region (Cholla Namdo), soll für den raschen Abzug indirekt verantwortlich gewesen sein. Als dieser Soldat nämlich mit ansehen musste, wie unbescholtene, unschuldige Bürger seiner Provinz wahllos niedergestochen und erschossen wurden, feuerte er in einem tobsüchtigen Wutanfall auf seine eigene Kameraden Gewehrsalven ab, tötete fünf von ihnen und erschoss sich daraufhin selbst. Die Sondereinheiten wurden sodann in die Vororte der Stadt abgezogen. Dafür rückten reguläre Kampftruppen ein und setzten das Morden fort. An sämtlichen Knotenpunkten der Stadt bezogen sie Stellung und mähten die Bürger reihenweise nieder.

Ein Lied im Mai

Wie Blütenblätter in der Kumnamstraße gefallen eure jungen Seelen. Wie ein Stück Sojabohnenkäse abgeschnitten deine Brust. Immer wenn jene Maitage wiederkehren, pocht das rote Blut in unseren Herzen.

Warum erschossen? Weshalb erstochen? Wohin denn mit dem Lastwagen weggekarrt? In Mang-Wol-Dong, da starren Tausende von Augen, noch aufgerissen, blutunterlaufen, noch voll Zorn.

Ihr Überlebenden! Ihr Überlebenden! Gehen wir gemeinsam los! Diese Geschichte der Schande – wie sollten wir sie ohne Leiden überwinden können?

Du Glatzkopf! Ihr Japsen! Ihr Spitznasen-Yankees! Raus aus diesem Land! Unsere Geschichte werden wir selber machen!

Die Soldaten liefen mit aufgepflanzten Bajonetten wie die Sieger durch die Stadt, und ich bekam allmählich eine Gänsehaut. Aus halb verschlossenen Lidern beobachtete ich die Vorgänge um mich herum heimlich und wischte mir den Angstschweiß von der Stirn. Inzwischen erreichte ich die Kumnam-Hauptstraße, die früher die Besucher mit ihren vielen Blumenkästen und ihrem Duft willkommen hieß. Die Gemütlichkeit und Freundlichkeit der Bewohner, die gefälligen Straßen und Anlagen, all das war jetzt nur mehr Erinnerung. Die Stadt war im Begriff, sich in eine Stadtruine zu verwandeln. Die schöne Zeit, als man am Kungag-Fluss vor dem Mudung-Berg angeln konnte, dieser schöne Ort der Musen, der zahlreiche Gelehrte erzeugt und genährt hat – all dies begann unterzugehen und hinter schwarzen Wolken zu verschwinden.

Toleriert von Washington

An jenem 27. Mai erlebte die selbstverwaltete “Freistadt Gwangju” den schwärzesten Tag ihrer Geschichte. Mit Wissen und stillschweigender Duldung des Chefs des US-amerikanisch-südkoreanischen Oberkommandos, General John A. Wickham, bliesen zum Teil aus der Grenzregion zu Nordkorea abgezogene Elitesoldaten der südkoreanischen Streitkräfte zum Angriff und stürmten die Stadt. Die Bilanz dieses martialischen Einsatzes: Laut (späteren) offiziellen Angaben kamen 207 Menschen ums Leben, nichtstaatliche Stellen sprechen hingegen von über 2.000 Toten.

Als Folge dieses – von den USA zumindest gebilligten – Massakers wurden in den folgenden Monaten Brandstiftungen an amerikanischen Kultureinrichtungen in Gwangju, der Metropole Seoul und der Hafenstadt Busan, der zweitgrößten Stadt des Landes, verübt. Nachdem bei dem Brandanschlag im Kulturzentrum von Busan im März 1981 ein Student ums Leben kam, 6.000 Oppositionelle im Zuge landesweiter Razzien verhaftet und umgerechnet über 50.000 Euro als Belohnung für das Ergreifen der Täter ausgeschrieben wurden, stellten sich die an dem Anschlag beteiligten neun Studenten nach zwei Wochen freiwillig der Polizei.

In einem Brief an Stephen Kardinal Kim Sou-Hwan, den damaligen Erzbischof von Seoul, verteidigte der Hauptangeklagte die Tat als einen Akt von Patriotismus: “(…) Darüber hinaus möchte ich Ihnen verdeutlichen”, hieß es in diesem Schreiben, “dass wir diese Institution einzig und allein in Brand gesteckt haben, um das Unrecht, das die USA in der Geschichte unseres Landes begingen, anzuprangern. (…) Um den Aufstand der Bürger von Gwangju als Beispiel zu nennen: Ich frage mich, weshalb sie gerade der Militärclique Chun Doo-Hwans das Recht gaben, das Massaker in jener Stadt anzurichten. Es ist doch eine allseits bekannte Tatsache, dass auf der Grundlage des so genannten Verteidigungsabkommens zwischen der Republik Korea und den USA der Befehl zum Einsatz südkoreanischer Truppen allein dem gemeinsamen Oberkommando der südkoreanisch-US-amerikanischen Streitkräfte, also dem US-General Wickham, unterliegt (…).”

Sowohl General John A. Wickham als auch der damalige US-Botschafter in Seoul, William H. Gleysteen, waren darüber informiert, dass unter anderem südkoreanische Eliteeinheiten der 11. und 13. Special Warfare Command Forces Brigade von ihren Stellungen entlang der Grenze zu Nordkorea abkommandiert und sodann in die Hauptstadt sowie nach Gwangju verlegt worden waren. Dennoch beschwichtigten sie, wiegelten ab und spielten diese Maßnahmen als rein innerkoreanische Angelegenheit herunter. Tim Shorrock, ein US-amerikanischer Investigativjournalist, hatte Mitte der 1990er Jahre auf der Grundlage des Freedom of Information Act die Möglichkeit, mehrere hundert Seiten Akten einzusehen und auszuwerten, welche die Kommunikation zwischen Washington und Seoul vor und nach dem Gwangju-Massaker betrafen. Eingeweiht war neben dem Präsidenten nur ein kleiner Kreis von Geheimdienstleuten und Mitarbeitern aus dem Weißen Haus, State Department und Pentagon. Diese erlauchte Runde verpflichtete sich zu strikter Geheimhaltung (NODIS = no distribution outside of approved channels) und die Kommunikation unter ihren Mitgliedern firmierte unter dem Codenamen “Cherokee”.

Bei seinen Recherchen gelangte Shorrock zu dem beklemmenden Fazit: Die verantwortlichen US-amerikanischen Stellen in beiden Hauptstädten duldeten letztlich im Eigeninteresse die Handlungen der südkoreanischen Soldateska. US-Botschafter Gleysteen vermittelte in seiner Lageeinschätzung sogar das Bild, in Gwangju sei ein “von radikalen Studenten aufgestachelter Mob” im Begriff, für Instabilität im Lande zu sorgen. Schließlich hatten die USA wenige Wochen vor Chuns endgültiger Machtkonsolidierung ihre in Korea stationierten Soldaten um 3.500 Mann auf annähernd 42.900 GIs aufgestockt. Hintergrund der Befürchtungen der Carter-Administration waren die angespannte Lage im Iran, wo nach dem Sturz des Schahs monatelang die US-amerikanische Botschaft belagert worden war und Geiseln genommen wurden, sowie der verschärfte Konfrontationskurs gegenüber der Sowjetunion wegen des Einmarsches der Roten Armee in Afghanistan.

General Chuns kompromissloses Vorgehen in Gwangju überzeugte letztlich die Politiker und Strategen in den USA, fortan ihr Gewicht für diesen Mann in die Waagschale zu werfen. Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski und Richard C. Holbrooke, damals im State Department verantwortlich für asiatische und pazifische Angelegenheiten, prägten eine entsprechende realpolitische Formel. Demnach sollte man zunächst voll auf Chun setzen und ihn im Sinne der eigenen US-Interessen gewähren lassen, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt zur Mäßigung zu drängen.

Jedenfalls genoss Chun Doo-Hwan im Februar 1981 das Privileg, als erster ausländischer Staatschef vom frisch gewählten US-Präsidenten Ronald Reagan ins Weiße Haus eingeladen zu werden. Diese Begegnung demonstrierte weit mehr als eine dreieinhalb Jahrzehnte währende Kampfbrüderschaft. Reagans auf “Vorwärtsverteidigung” angelegte Globalstrategie, dazu gedacht, die “Vietnam-Scharte” auszuwetzen, beinhaltete nicht zuletzt die Aufwertung Südkoreas und seines neuen Präsidenten. Washington sprach von einer “neuen Ära” im beiderseitigen Verhältnis, was Reagan anlässlich seines Gegenbesuchs in Seoul und bei seiner Stippvisite bei den US-Truppen am 38. Breitengrad im November 1983 ausdrücklich bekräftigte.

Zivilisiertes Erinnern

Zwar begründete das Regime des Ex-Generals Chun auf den Trümmern Gwangjus seine Herrschaft. Doch die Ereignisse im Mai 1980 trugen wesentlich dazu bei, den nationalen, stramm antikommunistischen Konsens sowie das Vertrauen in die Regierenden zu erschüttern. Das bis dahin immer wieder beschworene Bedrohungsszenario, Nordkorea sei geradezu von dem Wahn besessen, den Süden zu “schlucken” und ihn nach seinem Ebenbild “kommunistisch” umzukrempeln, entpuppte sich als dreiste Zwecklüge. Es waren südkoreanische Soldaten, die auf südkoreanische Zivilisten geschossen hatten! Außerdem zerbarst der Schutzmacht-Mythos der USA. Die im Lande stationierten GIs hatten zuallererst die politischen und militärstrategischen Interessen einer Großmacht im Sinn. Der Schutz der südkoreanischen Bevölkerung war – wenn überhaupt – zweitrangig.

Dem Gwangju-Trauma folgte eine bleierne Zeit. Politisches Engagement, von offenem Widerstand ganz zu schweigen, war nahezu unmöglich geworden. Führende Oppositionelle, sofern sie nicht getötet, eingesperrt oder anderweitig mundtot gemacht worden waren, mussten untertauchen und sich in der Illegalität um den Neuaufbau von Widerstandsnetzen und die Schaffung demokratischer Verhältnisse bemühen. Ab 1987, im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele ein Jahr später, konnte die Demokratiebewegung erste Erfolge verzeichnen. Doch erst Anfang 1993 endete mit der Amtszeit Roh Tae-Woos die Ära von Militärmachthabern in Südkorea.

“Wir müssen eine demokratische Kultur pflegen”, mahnte der einstige Bürgerrechtsanwalt und von Februar 2003 bis Februar 2008 amtierende Präsident Roh Moo-Hyun im Mai 2005 an den Gräbern der Gwangju-Opfer, “um Probleme durch Verhandlungen und Kompromisse zu lösen und die so zustande gekommenen Ergebnisse zu akzeptieren. Bei alledem gilt es unbedingt, die andere Seite in ihrer Menschenwürde zu achten und die Gesetze zu respektieren.” Wie sehr sich in Südkorea vier Dekaden nach dem Gwangju-Massaker der Umgangsstil gewandelt und das öffentliche Leben zivilisiert hat, bewies u.a. der historische Besuch der Gwangju-Gedenkstätte im Mai 2005 durch den obersten Polizeichef des Landes, General Huh Joon-Young.

Postscript: Mit nach bis dato offiziellen Angaben 207 Todesopfern endete vor 40 Jahren im südkoreanischen Gwangju eine Protestbewegung gegen die damals herrschende Militärjunta. Nichtstaatliche Stellen sprechen seitdem von Hunderten Verletzten und über 2.000 Toten. Mit einer Reihe von Gedenkveranstaltungen erinnern deshalb die Menschen und offizielle Stellen in Südkorea in diesen Tagen erneut an das damalige Massaker. Haupttenor der letzten Veranstaltungen dieser Art war, dass die heutige Demokratie “durch das Blut und den Schweiß der Kämpfer für die Freiheit errungen” worden sei. “Wenngleich der Name Gwangju lange Zeit in den dunkelsten Farben gezeichnet wurde und noch heute viele Menschen unter posttraumatischen Störungen infolge der brutalen Niederschlagung des Aufstands leiden”, hatte bereits im Mai 2010 Yoon Kwang-Jang, ein Überlebender des Massakers und Präsident der “Stiftung zum Gedenken des 18. Mai”, in einem Interview mit der Korea Times betont, “war der Aufstand ein Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie.”

Und es ist dem heutigen Präsidenten Südkoreas und einstigem Menschenrechtsanwalt, Moon Jae-In, zu verdanken, dass sich die Regierung in Seoul mit Verve dafür einsetzt, eine überparteiliche Untersuchungskommission über Gwangju einzusetzen, was allerdings bis dato am Widerstand politischer Betonköpfe und ultrareaktionärer Hardliner inner- wie außerhalb des Parlaments scheiterte. Letztere vertreten die abstruse Position, nordkoreanische Soldaten hätten seinerzeit in Gwangju einen Aufstand angezettelt, der einzig die Destabilisierung der südkoreanischen Regierung zum Ziel gehabt hätte.