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Nachhaltigkeit der verheerende Rückschritt des Umweltgedankens

Ursprünglich war mal klar: Ökologie hat Vorrang vor der Ökonomie. Nicht einmal konservative Parteien hätten in der Umweltdebatte der 70er und 80er Jahre gewagt, Profit und Wachstum als gleichwertig mit dem Schutz der Umwelt und dem Erhalt der Lebensgrundlagen darzustellen. Zwar sah das praktische Handeln in den Spitzen von Parteien, Verwaltungen, Regierungen und Konzernen anders aus, aber das ist heute ja auch so. Das Soziale wurde zwar von Umweltorganisationen fast immer vergessen, aber der Wirtschaft einen eigenständigen und hohen Wert einzuräumen, der dem Schutz der Umwelt und den Bedürfnissen der Menschen ebenbürtig ist – das war erst die Schnapsidee der Nachhaltigkeitsdebatte.

Diese wurde in den 90er Jahren mit erheblichem propagandistischen und finanziellen Aufwand aufgezogen. Der Begriff ist allerdings viel älter – und entlarvend. Denn in der Forstwirtschaft, aus der er stammt, beschrieb er rein wirtschaftliche Ziele. Es sollte nicht mehr Holz eingeschlagen als angepflanzt werden. Ziel war, auf Dauer den Wald ausbeuten zu können. Das durften auch gern Fichten- oder Kiefermonokulturen sein, reine Holzäcker eben.

Es ist kein Zufall, dass der Nachhaltigkeitsbegriff andere Umweltschutzkonzepte genau in den 90er Jahren verdrängte. Das war nämlich die Hochphase des Neoliberalismus. In allen Politikfeldern wurde privatisiert, auf marktwirtschaftliche Methoden umgerüstet – warum dann nicht auch beim Umweltschutz?

Ausgangspunkt war nach dem Brundtlandreport, der den Begriff erstmals in die globalen Umweltdebatten einspeiste, die Weltumweltkonferenz in Rio. Obwohl sich deren Abschlusspapier “Agenda 21” wie ein neoliberales Kampfpapier liest und viele nach dem Abschluss 1992 von einem Fehlschlag sprachen, setzte sich Mitte der 90er Jahre die veränderte Betrachtungsweise durch.

“2.37 … wichtigstes Ziel wäre die Vereinfachung oder Beseitigung der Beschränkungen, Vorschriften und Formalitäten, welche in vielen Entwicklungsländern die Gründung und Führung von Unternehmen erschweren, verteuern und verzögern …”

Zwar hatte sich an den neoliberalen Abschlussdokumenten von Rio nichts geändert, aber machten immer mehr Organisationen aus dem Fehlschlag wahlweise einen Aufbruch, ein globales Hoffnungszeichen oder gar einen Mythos. Immer häufiger wurde der “Geist von Rio” beschworen, alle zehn Jahre finden seitdem Nachfolgekonferenzen statt, die in der Tat ihrem Vorbild gleichen: Es kommt nichts Sinnvolles heraus.

“26.1 … Indigene Bevölkerungsgruppen … Ihre Fähigkeit zur uneingeschränkten Mitwirkung an einem auf eine nachhaltige Entwicklung ausgerichteten Umgang mit ihrem Land hat sich aufgrund wirtschaftlicher, sozialer und historischer Faktoren bisher als begrenzt erwiesen. Angesichts der Wechselbeziehung zwischen der natürlichen Umwelt und ihrer nachhaltigen Entwicklung einerseits und dem kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und physischen Wohlergehen der indigenen Bevölkerungsgruppen andererseits soll bei nationalen und internationalen Anstrengungen zur Einführung einer umweltverträglichen und nachhaltigen Entwicklung die Rolle dieser Menschen und ihrer Gemeinschaften anerkannt, angepaßt, gefördert und gestärkt werden”.

Die Nachhaltigkeit ist trotzdem zur zentralen Denkfigur der Umweltdebatte geworden. Der Siegeszug dokumentiert eine geldgetriebene Verflachung umweltpolitischer Positionen bis hin zu korrumpierter Gleichgültigkeit gegenüber Inhalten bei der Jagd nach Spenden und Förderungen.

Ab Mitte der 90er Jahre hatte das Nachhaltigkeitskonzept die vorherigen Umweltschutzpositionen verdrängt und war zur federführenden Denkkultur geworden. Damit war Umweltschutz kompatibel mit Profit- und Machtideen. Als Nebenprodukt entstanden massenweise Kooperationen und Fundraising von bisher gemiedenen Konzernen und Umweltschutzverbänden, veränderten die Grünen ihr Wirtschaftsprogramm in eine vermeintlich von ökologischen Innovationen angetriebene Wachstumsideologie, explodierte die Zahl vermeintlich grüner Unternehmen, die mit ihren unter Ökolabeln stehenden Produkten Gewinne zu erzielen versuchten.

“16 … Als innovativer, wissensintensiver Forschungsbereich bietet sie eine Vielzahl nützlicher Verfahrenstechnologien für vom Menschen vorgenommene Veränderungen der DNS (Erbgut), oder des genetischen Materials in Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen, deren Ergebnis überaus nützliche Produkte und Technologien sind”

Über die Ökosteuer wandelten sich Umweltschutzpolitiken bis hin zur modernen Klimaschutzstrategie, innerhalb derer bislang unverkäufliche Umweltgüter wie die Luft auf die mörderischen Werkbänke von Börsen und internationalen Handelsplätzen geworfen wurden.

“22.4 Die Staaten sollen, gegebenenfalls in Zusammenarbeit mit den einschlägigen internationalen Organisationen, a)… c) eine sichere Zwischenlagerung, Beförderung und Endlagerung radioaktiver Abfälle sowie zur Endlagerung vorgesehener abgeklungener Strahlungsquellen und abgebrannter Kernelemente aus Kernreaktoren in allen Ländern, insbesondere aber in den Entwicklungsländern, durch Erleichterung der Transfer einschlägiger Technologien an diese Länder und/oder durch Rückgabe der Strahlungsquellen an den Lieferanten nach beendetem Gebrauch … fördern; …”

Wenn wir heute über die Folgen stöhnen, so sollten wir immer deutlich im Auge behalten: Die Umweltverbände selbst, nebst Grünen und der damaligen PDS, waren bei der Klimakonferenz 2001 in Bonn, als es um die konkreten Methoden des Klimaschutzes ging, und anderen Anlässen stets verlässlich auf der Seite der Konzerne und ideologische Befürworter*innen marktförmiger, wachstumstreibender Strategien, also einer schlicht kapitalistischer Ideologie. Wer das vergisst und heute im Zuge der Klimadebatte solchen Parteien oder Umwelt-NGOs wieder blauäugig applaudiert, sollte sich schon mal mental darauf vorbereiten, wieder verraten zu werden.