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Subvemtionen für Big Plastic

Globale Probleme verschwinden auch während einer Pandemie nicht. Die Frage ist, ob man Projekte deshalb vermehrt unterstützen soll. Ja, findet die US-Plastikindustrie und fragte Mitte April beim US-Kongress um Unterstützungsgelder in Höhe einer Milliarde Dollar zur Unterstützung von Recycling-Bemühungen an.

Der Recyclingumfang in den USA habe während der Krise merklich abgenommen. Die Konsumenten verlangten jedoch Produkte mit höherem Recyclinganteil, begründete der Zusammenschluss mehrerer Unternehmen und Interessenverbänden wie Dow, des “American Chemistry Council” und der “Plastics Industry Association” seine Forderung.

Selbst “Beyond Plastics” reagierte verständnislos

Um “den Anforderungen dieser Krise gerecht zu werden, brauchen wir jetzt Investitionen”, regte die “Recover Coalition”, wie sich die Gruppe selbst nennt, am 16. April in einem Brief an. Sie fordert die Parlamentsmitglieder auf, Corona-Unterstützungsgelder dafür bereitzustellen.

Im November 2019 wurden in einem Gesetzesentwurf namens “Recover Act” bereits 500 Millionen Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren als Unterstützungsleistung für die Recyclingindustrie festgelegt. Durch die Coronakrise würde sich diese Summe verdoppeln, argumentiert die “Recover Coalition”.

Die Forderung mehrerer Hersteller und Verbände nach Steuergeldern mitten in einer tödlichen Pandemie sorgte stellenweise für Unmut, selbst bei Vertretern von Nichtregierungsorganisationen wie “Beyond Plastics”, berichtet der “Intercept”.

Kenia: Zuverdienst aus dem Müllberg

Die globale Plastikschwemme, die der US-Kongress mit dem “Recover Act” einzudämmen hofft, ist für manche Menschen gar nicht so schlecht. Für Rosemary Nyambura aus Nairobi zum Beispiel. Sie ist ein Beispiel dafür, was im globalen Recycling-System schiefläuft. Wie in vielen Schwellenländern gibt es in Kenia kein organisiertes Recyclingsystem. Informelle Strukturen sorgen trotzdem für Müllverwertung. Die elfjährige Rosemary begleitet am Wochenende ihre Tante Miriam beim Müllsammeln, um sich etwas dazuzuverdienen.

Subsidies for big plastic

In Dandora, einem Vorort der kenianischen Hauptstadt, der vor allem bekannt ist für seine riesige Mülldeponie, ist vieles noch etwas wert. Müllsammlerinnen und Müllsammler klauben Verwertbares aus den Müllbergen und verkaufen es an Müllhändler. Rosemary sammelt vor allem Plastikflaschen, etwas mehr Geld gibt es für Blechdosen, Karton ist weniger wert.

In den USA liegen hunderte Milliarden, in Nairobi gibt es einige Cents

Müllsammeln ist mühsam und gefährlich. Die Sammlerinnen und Sammler wühlen zum Teil in Plastiksandalen und ohne Handschuhe in den Müllhaufen, die mit Scherben, Dreck und Fäkalien durchsetzt sind. Ihre Tante Miriam zeigt dem Fotografen ihre zerschnittenen Hände.

Subsidies for big plastic

Wochentags geht Rosemary zur Schule. Wenn sie es durch die Primar- und Sekundarstufe schafft, möchte sie ans College und anschliessend an die Medical School, falls sie das Schulgeld aufbringen kann. Am liebsten möchte sie Ärztin werden. Die Menschen in Dandora, sagt sie dem “Intercept”, der eine Reportage über Dandora geschrieben hat, würde sie dann gratis behandeln. Viele haben Krankheiten, die durch den Müll bedingt sind.

Für ein Kilo PET zahlen die Müllhändler auf dem Platz weniger als fünf US-Cent. Die Arbeit der Müllsammler geht trotz Corona und Lockdown weiter. Die meisten können es sich schlicht nicht leisten, damit aufzuhören, berichtet der “Guardian”. Von den Geldern, die den Plastikproduzenten für Recycling zur Verfügung stünden, kommt bei ihnen kaum etwas an.

Die Plastikhersteller in den USA, stellt der “Intercept” fest, haben hunderte Milliarden Dollar zur Verfügung, um die Wiederverwertung ihrer Produkte zu bezahlen. Unter den 223 Unternehmen, die zum “American Chemistry Council” und zur “Recycling Partnership” gehören, sind 60 börsennotierte Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von 2,7 Billionen Dollar und einem Nettogewinn von 210 Milliarden Dollar. Coca-Cola, PepsiCo, Danone, Unilever, und Nestlé, die zur “Recycling Partnership” gehören, gaben 2019 mehr als 24 Milliarden Dollar für Werbung aus.

In Kenia wären einige hundert Dollar ein Segen

Die Müllsammler in Nairobi arbeiten viele Stunden, manchmal Tage, um ein Kilo Plastik einzusammeln. Die Müllhändler nehmen die Plastikflaschen in grossen Taschen, genannt “diblas”, entgegen. Für Kinder, die nicht das Glück haben, mit einem Erwachsenen unterwegs zu sein wie Rosemary, sind sie zu gross und unhandlich. Eine lokale Organisation engagiert sich deshalb für sie.

Die von einem lokalen Musiker gegründete “Dandora HipHop City” ist eine Mischung aus Jugendorganisation, Musikerkollektiv, Förderungs- und Communityprojekt. In der “HipHop City” können Kinder auch kleine Mengen Plastik abgeben und bekommen schon für eine einzelne Flasche Punkte, die sie gegen Nahrungsmittel wie Öl, Mehl und Gemüse eintauschen können. Die Organisation verkauft das von den Kindern gesammelte Plastik weiter an die Händler. Die Kosten deckt das nicht, deshalb ist sie auf Spenden angewiesen.

Der Programmleiter Charles Lukania hat auch Coca-Cola um Sponsoring gebeten. Immerhin leisten die Kinder von Dandora einen Betrag dazu, den Plastikmüll, den das Unternehmen verursacht, wieder einzusammeln. Coca-Cola ist der Spitzenreiter der globalen Plastikvermüller, hat die Organisation “Break Free From Plastic” bei einer globalen Müllzählung in 51 Ländern festgestellt.

Der Beitrag von Coca-Cola: Brause verkaufen

Im September 2018 besuchte eine Delegation von Coca-Cola die “HipHop City” am Rande des Müllbergs. Das Unternehmen bot der “HipHop City” an, einen Kühlschrank mit Softgetränken aufzustellen, welche die Kinder kaufen könnten. Ein absurdes Unterfangen, Softdrinks können sich die Müllsammler normalerweise nicht leisten.

Coca-Cola, das sich verpflichtet hat, einen Teil seiner Flaschen aus Recyclingplastik herzustellen, verlässt sich seinerseits auf einen 100-Millionen-Dollar-Fonds, der dieses Vorhaben finanzieren soll. Die Industrie sei gut aufgestellt, um das leidige Plastikproblem wenigstens teilweise in den Griff zu bekommen, teilte das Unternehmen dem “Intercept” auf Anfrage mit.

Von “Dandora HipHop City” und einem Förderantrag weiss Coca-Cola hingegen nichts. “Das Unternehmen und seine Abfüllpartner in Kenia wissen nichts von einem konkreten Antrag der Gruppe auf einen Zuschuss und hatten keine direkte Verbindung mit “Dandora HipHop City”, antwortete Coca-Cola Südafrika auf eine E-Mail-Anfrage. Camilla Osborne, Coca-Colas Kommunikationsverantwortliche für Süd- und Ostafrika bestätigte aber, dass Coca-Cola in Dandora an einem Clean-Up-Projekt teilgenommen und den Teilnehmern Getränke zur Verfügung gestellt habe. “Eine Organisation allein kann das Plastikproblem nicht lösen”, liess sie wissen.