Logo
Cover

Grossartig für die USA

Am 1. Juni 2017 durfte John R. Bolton in Jerusalem vom “Ingeborg Rennert Center for Jerusalem Studies” den “Guardian of Zion Award” entgegennehmen. Er war damals Chairman des Think-Tanks “Gatestone Institute”, dessen selbstgewählte Mission es ist, weltweit Muslim-Hass zu verbreiten, in 16 verschiedenen Sprachen – auch wenn “Gatestone” es natürlich nicht so formuliert. Ein knappes Jahr später wurde John Bolton Donald Trumps Sicherheitsberater. Das “Gatestone Institute”, das ihn damit gehen lassen musste, kommentierte das so:

“Das Gatestone Institute freut sich ausserordentlich und ist stolz darauf, dass sein Vorsitzender, Botschafter John R. Bolton, den Nationalen Sicherheitsrat der Vereinigten Staaten leiten wird. Wir gratulieren ihm und Präsident Donald J. Trump herzlich zu einer Berufung, die grossartig ist für Amerika, seine Verbündeten und die freie Welt.”

Auch die NZZ hat diese damalige Berufung John Boltons zum Sicherheitsberater kommentiert. Ihr USA-Korrespondent Peter Winkler schrieb: “Der 69 Jahre alte Bolton verfasst zwar gern Analysen zu sicherheitspolitischen Fragen, darunter auch für das konservative ‹Wall Street Journal›. Doch am besten passte sein öffentliches Säbelrasseln stets zum Nachrichtenkanal Fox News, wo er ein gern gesehener Gast war. Er verkörpert das, was die Amerikaner gern als ‹red meat› bezeichnen: provokative Aussagen, welche vor allem unter Konservativen und Nationalisten die Gemüter in Wallung bringen.” Und NZZ-Ausland-Redaktor Andreas Rüesch vermerkte, die Berufung John Boltons zum Sicherheitsberater sei von “besonderer Brisanz”: “Bolton hat nie verhehlt, was seiner Ansicht nach die beste Lösung des Problems Iran wäre: nicht ein Abkommen voll fauler Kompromisse, sondern die Bombardierung der iranischen Atomanlagen. Kein Zweifel, der Wind aus Washington ist rauer geworden, und er wird noch rauer werden.”

Anderthalb Jahre später, im September 2019, war John R. Bolton als Sicherheitsberater schon wieder weg vom Fenster: Donald Trump hat auch ihn, wie etliche andere ehemals enge Vertraute vorher schon, nach kurzer Zeit wieder gefeuert.

Zwei Millionen Dollar Honorar für ein Buch über Trump

Jetzt hat dieser John R. Bolton ein Buch über seine Zeit mit Donald Trump geschrieben: “The Room where it happened”, “Der Raum, in dem es geschah”. Es kommt am nächsten Dienstag offiziell in die US-Buchhandlungen. Einzelne Passagen daraus hat der Verlag – eine clevere Werbung für das Buch – bereits bekannt gegeben. Und natürlich wird bereits über das Buch geschrieben. Andreas Rüesch in seinem Kommentar in der NZZ vom 19.6.2020: “Boltons Darstellung, die vom Weissen Haus zwar dementiert wird, aber glaubwürdig wirkt, ist entlarvend.”

Zwischenzeitlich versucht das Weisse Haus, den Verkauf des Buches mit juristischen Mitteln zu verhindern. Die Argumentation: Es handle sich um den Verrat von Geheimnissen. Trump seinerseits twittert, was Bolton schreibe, seien einfach Lügen und Fake Stories. “Ein übelgelaunter, langweiliger Verrückter, der immer nur Krieg beginnen wollte. Hatte von nichts eine Ahnung, wurde deshalb geächtet und glücklicherweise abserviert. Was für ein Dummkopf!” Geheimnisverrat also oder nur Lügen? Passt nicht wirklich zusammen.

Dumm ist John R. Bolton mit Sicherheit nicht. Mit einiger Wahrscheinlichkeit intelligenter und zumindest gebildeter als Trump. Aber auch ehrlich, gradlinig, ein “glaubwürdiger” Mann, wie er nun bezeichnet wurde? Oder doch eher ein geldgieriger Karrierist, fern jeder Moral? Als Voraushonorar für sein Buch, das zweifellos ein Bestseller wird, soll er schon mal zwei Millionen Dollar kassiert haben.

Die Buchrezensenten sollten an Gatestone denken

Schon bei seiner Ernennung zum Sicherheitsberater im März 2018 haben die wenigsten Kommentatoren das “Gatestone Institute”, dessen Chairman Bolton damals war, erwähnt. Ein Fehler; denn was “Gatestone” fast täglich und oft in 16 verschiedenen Sprachen verbreitet, ist reiner Rassismus: Hass gegen die Muslime. Und “Gatestone” schreibt über alle Länder der Welt, auch über die Schweiz. So etwa brachte “Gatestone” im Juni 2018 einen Artikel von Judith Bergman, einer in Israel lebenden “Analystin”, mit der Headline: “Die Schweiz heisst den muslimischen Terrorismus willkommen.” Und sie setzte, zum Entsetzen der Behörden von Baden im Aargau, ein wunderschönes Bild der Badener Altstadt dazu. Die Badener Behörden wollten das schöne Bild auf dem Artikel von “Gatestone” weg haben. Auf Anraten wandten sie sich an Josef Bollag, einen in Baden wohnhaften Juristen, der zu den Gründern der Schweizer Plattform “Audiatur online” gehört. Bollag habe vermutlich enge Beziehungen zu “Gatestone” und siehe da: Das Bild der Stadt Baden über dem “Gatestone”-Artikel von Judith Bergman verschwand tatsächlich und wurde durch ein Bild eines Schneeberges mit einer Schweizer Fahne ersetzt. Josef Bollag hatte offensichtlich gute Arbeit geleistet.

Perfekte “Swiss-Connections”

Warum der Tipp mit Josef Bollag? Von eben diesem Badener Juristen Josef Bollag wurde vor etlichen Jahren die erwähnte Schweizer Plattform “Audiatur online” gegründet, unterstützt vom Zürcher PR-Berater Sacha Wigdorovits. Und Achtung: In den letzten Jahren hat “Audiatur online” gegen 500 Artikel von “Gatestone” übernommen! Hass gegen die Muslime und nochmals Hass gegen die Muslime – und natürlich nur Gutes über Israel. Der Zürcher IT-Mann Daniel Heiniger fungiert als Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche.

Wer jetzt in diesen Tagen einen Blick auf “Audiatur online” geworfen hat, fand zum Beispiel am 22. Mai einen Artikel, in dem ein Michel Calvo argumentiert, warum die geplante Annexion des Jordanlandes durch Israel nicht gegen das Völkerrecht verstosse. Vor 3500 Jahren habe Gott den Juden dieses Land geschenkt. Also seien die Juden die “indigenen” Besitzer dieses Landes. Und das Eigentum der Indigenen dieser Welt sei durch das international anerkannte Völkerrecht geschützt. Wörtlich: “Nach dem Völkerrecht sind die Juden die Ureinwohner der als Judäa, Samaria, Palästina, Israel und Heiliges Land bezeichneten Länder und erfüllen daher die völkerrechtlich geforderten Kriterien. Die Juden sind die ethnische Gruppe, die vor 3500 Jahren die ursprünglichen Siedler von Judäa und Samaria waren, als das Land vom Allmächtigen den Juden geschenkt wurde. Führer dieser Welt, die sich dafür entschieden haben, die Geschichte zu verwässern, bezeichnen Judäa und Samaria fälschlicherweise als ‹Westbank›, ‹Westjordanland› oder die ‹besetzten palästinensischen Gebiete›.” Wo erschien dieser Artikel von Michel Calvo zuerst? Drei Tage vorher, am 19. Mai, auf “Gatestone” natürlich.

Ein anderes Müsterchen von “Gatestone”, diesmal aus den letzten Tagen (6. Juni 2020): “Killing Free Speech in Switzerland”. Oder zu Deutsch, am 13. Juni, übersetzt auch hier wieder von Daniel Heiniger: “Abwürgen der Redefreiheit in der Schweiz”. Einmal mehr von Judith Bergman, der in Israel lebenden “politischen Analystin”.

Auch über die politischen Missetaten während Boltons Amtszeit als Sicherheitsberater unter Donald Trump hat Infosperber mehrmals informiert. Siehe die Links am Ende des Textes.

John R. Bolton: prädestiniert, über Donald Trump zu schreiben?

John Bolton war wie oben erwähnt vor seiner Berufung zum Sicherheitsberater durch Donald Trump fünf Jahre lang Chairman des “Gatestone Institute”. Gerade auch in der Schweiz, wo wir eine sogar dem “Verband Schweizer Medien” angehörende Publikation “Audiatur online” haben, die de facto als Schweizer Ableger des “Gatestone Institute” operiert, sollten solche politischen “Connections” genau angeschaut werden. Es gibt gute Gründe, Donald Trump gegenüber kritisch zu sein: Ein Mann mit der politischen Vergangenheit eines John R. Bolton jedoch – als Chairman des “Gatestone Institute” ebenso wie als Sicherheitsberater unter Trump – ist alles andere als qualifiziert und legitimiert, in einem Buch mit dem Zeigefinger auf Donald Trump zu zielen. Auf “Schwiizertütsch” nennt man so etwas “Säuhäfeli, Säudeckeli”.

Man ist gut beraten, beim Lesen dieses am Dienstag erscheinenden Buches die Geisteshaltung des Autors nicht zu vergessen – oder sich das Lesen ganz zu ersparen.