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Wirecard zeigt Stärke und Schwächen der Medien

Kleinanleger erhalten von 3000 investierten Euro nur noch rund 170 Euro. Ihr Gesamtverlust summiert sich auf fast zwei Milliarden Euro. Wirecard bot Lösungen für den elektronischen Zahlungsverkehr an sowie für die Herausgabe und Akzeptanz von Kreditkarten. Massive Bilanzfälschungen führten am 25. Juni 2020 zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Der Aktienkurs fiel ins Bodenlose.

Zu Recht prangern Medien den Buchprüfungskonzern Ernst & Young an, der jahrelang nichts gemerkt haben will und sich für seine Dienste von Wirecard fürstlich bezahlen liess. Und sie prangern zurecht die deutsche Finanzaufsicht Bafin an, welche die Kleinanleger ins Messer laufen liess. Denn statt sich Wirecard vorzuknöpfen, hatte die Bafin gegen die unliebsamen Journalisten der “Financial Times” (FT) Strafanzeigen eingereicht. Auch Wirecard verlangte von der FT Schadenersatz. Andere Medien liessen die “Financial Times” im Regen stehen.

Auch kein Verlass auf den kritischen Blick der Medien

Die Medien sollten jedoch nicht nur Dritte kritisieren, sondern auch ihre eigene Blindheit thematisieren. Auch Medien sind verantwortlich, dass so viele Anleger ihr Geld verloren haben. Immerhin hatte die führende “Financial Times”, die auf allen Wirtschaftsredaktionen gelesen wird, bereits im Jahr 2015 über Ungereimtheiten bei den Zahlungs- und Buchführungspraktiken von Wirecard informiert, und zwar unter dem frechen Titel “The House of Cards”, der auf ein Kartenhaus (“House of Cards”) hinwies. Zwei Redaktoren der “Financial Times” intensivierten ihre Recherchen in den folgenden vier Jahren und veröffentlichten regelmässig beunruhigende Informationen über Wirecard.

Paul Murphy, einer der beiden FT-Redaktoren, wunderte sich, dass deutsche Medien über die Recherchen der “Financial Times” nicht informierten. Im Gegenteil: “Wir waren irritiert über einen Teil der anfänglichen Berichterstattung in Deutschland, weil sie die Darstellung von Wirecard übernahm, ohne sie zu hinterfragen.” (Zitat aus der NZZ)

Noch im Jahr 2018 feierten das “Handelsblatt” und die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” den Wirecard-CEO Markus Braun als “Aufsteiger des Jahres”.

SDA verbreitete viele PR-Artikel, für die Wirecard bezahlte

Über Wirecard hat die Schweizerische Depeschenagentur in den letzten Jahren bis zum Frühjahr 2020 nur unkritische Beiträge verbreitet. Das überrascht nicht: Die meisten Artikel über Wirecard, welche die SDA anbot, waren von Wirecard selber bezahlt. Um ihr Budget aufzubessern, verbreitet die SDA immer häufiger bezahlte PR-Beiträge. Unter den Titeln heisst es jeweils “Original Text Service”. Die SDA nennt es auch “Corporate Content”.

Im Klartext handelt es sich um PR-Artikel, welche die SDA von ihrer “Kooperationspartnerin” “news aktuell” bezieht. Diese Tochterfirma der Deutschen Presseagentur vermittelt nach ihren eigenen Angaben ausschliesslich “PR-Content”. Die Firma brüstet sich auf ihrer Homepage: “Über ‹news aktuell› gelangen Inhalte in alle wichtigen Medienformate.”

Insgesamt verbreitete die SDA in den letzten Jahren über hundert Artikel über Wirecard, welche Wirecard bezahlte. Viele Medien haben diese von der SDA verbreiteten Artikel übernommen – ohne transparent zu machen, dass es sich um bezahlte Firmen-PR handelte. In der Schweizer Mediendatenbank SMD ist bei der Suche nicht ersichtlich, ob es sich bei den SDA-Artikeln um redaktionelle oder bezahlte Beiträge handelt.

Auf Anfrage wollte SDA-Chefredaktorin Nicole Meier nicht sagen, welchen Betrag die SDA für die Wirecard-Artikel kassiert hat. Dem SDA-Geschäftsbericht ist lediglich zu entnehmen, dass die SDA für verbreiteten “Corporate Content” allein im Jahr 2019 insgesamt über fünf Millionen Franken einnahm. Das waren immerhin zwölf Prozent aller Einnahmen.

Erst in den letzten paar Monaten informierte die SDA in ihrem “Basisdienst” über den Zusammenbruch von Wirecard, indem sie Artikel der Finanzagentur AWP übernahm, an der die SDA zur Hälfte beteiligt ist.

Auch “Finanz & Wirtschaft” und “NZZ” als Sprachrohr von Wirecard

Ebenfalls noch im Februar 2018 titelte die Schweizer “Finanz & Wirtschaft”: “Wirecard wächst zehn Jahre stark”. Der Umsatz sei im vierten Quartal 2017 um sagenhafte 45 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro gestiegen. “Finanz & Wirtschaft” zitierte CEO Markus Braun: “Wir haben gute Chancen, den Markt noch mehrere Jahre um 50% zu schlagen.” Kein Wort von den massiven Ungereimtheiten, über welche die “Financial Times” seit 2015 informierte.

Noch im September 2018 titelte die “NZZ”: “Wirecard lässt deutsche Banken alt aussehen – Finanzdienstleister verdrängt die Commerzbank aus dem DAX”. Michael Rasch, NZZ-Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt, schrieb vom “Aufsteiger aus der Münchner Agglomeration”. Am 11. November berichtete er in der “NZZ” bewundernd: “Wirecard ist an der Börse mit 19,4 Mrd. € mehr wert als das grösste deutsche Geldinstitut, die Deutsche Bank.”

Erst im Februar 2019 dämmerte es auch der “NZZ”. Rasch titelte mit einem kritischen Unterton gegen die “Financial Times”: “FT schiesst Wirecard sturmreif”. In den vergangenen zehn Tagen habe die britische Wirtschaftszeitung dreimal über finanzielle Unregelmässigkeiten berichtet. Am Frankfurter Aktienmarkt seien die Titel des Unternehmens daraufhin jeweils in die Tiefe gesaust. Doch es folgte der Zwischentitel “Nicht bewiesene Vorwürfe”. Rasch wies darauf hin, dass Wirecard “alle erhobenen Vorwürfe energisch zurückweist”. Und Rasch insistiert: “Bis heute wurde nie etwas bewiesen.”

Dann endlich und umso radikaler die Kehrtwende. So folgerte die “NZZ” am 12. August 2020:

“Wirecard hätte wohl noch viel länger unbehelligt betrügen können, und die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young sowie die deutschen Aufsichtsbehörden wären im Tiefschlaf geblieben, hätte es die ‘Financial Times’ nicht gegeben.”