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Kriminelle Clans wie in Wolfsburg?

Volkswagen erlebt den “größten Abhörskandal in der deutschen Wirtschaftsgeschichte” und kaum einer kriegt’s mit. Über Monate wurden die Sitzungen einer konzerninternen Sondereinheit zum Umgang mit dem missliebigen Zulieferer Prevent durch einen Manager abgehört. Der Fall hat das Zeug zum Krimi: Der Maulwurf wurde enttarnt, vor die Tür gesetzt und ist jetzt wahrscheinlich tot. Zu einer verkohlten Leiche kommen ein verbranntes Haus und allerhand Interna aus der Rubrik “Wie serviert man einen Geschäftspartner ab?”. Auch Ex- und Autokanzler Schröder spielt eine Rolle. Welche, behält er für sich.

Die US-Consultingfirma Environmental Health Analytics (LLC) hat 2019 in einer Studie versucht zu ermitteln, wie viele Menschen wegen des übermäßigen Ausstoßes von Feinstaub, Stickoxiden und Stickdioxiden ihr Leben lassen.* Ergebnis: Jahr für Jahr soll es weltweit 107.000 vorzeitige Sterbefälle nur im Zusammenhang mit Dieselabgasen geben. Allein aufgrund nicht eingehaltener Grenzwerte wären im globalen Maßstab jedes Jahr 38.000 Opfer zu beklagen, davon 11.400 in Europa. Die Belastbarkeit solcher Daten sei dahingestellt und offen bleibt auch, wie groß der Beitrag von Volkswagen an den Verlusten an Menschenleben ist. Aber fraglos haben die Wolfsburger reichlich Schuld auf sich geladen.

Zu den kritikwürdigen Vorgängen im VW-“Dunstkreis” ist inzwischen ein Todesfall hinzugekommen.* Ob dieser auf das Konto des deutschen Weltkonzerns geht, ist längst nicht ausgemacht und soll hier auch nicht behauptet werden. Trotzdem ist die Angelegenheit höchst brisant und könnte noch sehr ungemütlich werden für die Volkswagen-Führungsetage. Denn nach dem kostspieligen und für das Image verheerenden Dieselskandal wirft der Fall ein Schlaglicht auf ein anderes Merkmal des VW-Systems: Den rigorosen Umgang mit seinen Zulieferern.

Mutmaßlich toter Spitzel

Was ist passiert? Am 10. August war in einem Waldstück nahe Rottorf im Landkreis Helmstedt in einem ausgebrannten Auto die völlig verkohlte Leiche eines Mannes gefunden worden. Zwei Tage später berichteten zuerst die “Wolfsburger Nachrichten”, dass es sich bei dem Toten um die zentrale Figur der “VW-Abhöraffäre” handeln würde, jenen Volkswagen-Manager, der über ein Jahr lang interne Strategiesitzungen zum Umgang mit der renitenten Zuliefergruppe Prevent per Tonband aufgezeichnet haben soll.

Erst 14 Tage nach der Entdeckung teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit, dass es sich bei dem Toten gemäß DNA-Analyse um den Fahrzeughalter handelt. Allerdings wollte Staatsanwältin Julia Meyer am Donnerstag auf Anfrage der NachDenkSeiten nicht abschließend bestätigen, dass die Person auch identisch mit dem Spitzel im VW-Spionagefall ist. Korrekterweise muss man also weiterhin von dem mutmaßlich toten Maulwurf sprechen. Nicht endgültig geklärt sei ferner die Todesursache, wobei vieles auf einen Suizid hindeute. Schon zehn Tage zuvor hatte es geheißen, dass sich “keine Hinweise auf ein Fremdverschulden durch äußere Gewaltanwendung” hätten finden lassen.

Die Staatsanwaltschaft selbst ist schon seit rund drei Wochen mit dem Fall befasst. Wenige Tage zuvor hatte VW Strafanzeige gegen den Ende Juli enttarnten und umgehend freigestellten Mitarbeiter gestellt. Wenig später ging dann durch die Presse, dass auf das Haus des Betroffenen in einem niedersächsischen Dorf bereits Ende Mai ein Brandanschlag verübt worden ist. Das Gebäude wurde dabei völlig zerstört, Menschen kamen nicht zu Schaden. Ein Zusammenhang zwischen dem Vorfall und den heimlichen Aufnahmen werde geprüft, teilten die Fahnder mit. Im Raum steht zudem der Verdacht eines versuchten Versicherungsbetrugs. Wobei auch hier die letzte Gewissheit fehlt, dass der Hausbesitzer auch wirklich der ertappte Spion ist. Staatsanwältin Meyer sagte lediglich, “der Eigner entspricht dem Fahrzeughalter”.

“Am Rande der Illegalität”

Öffentlich gemacht wurden die sogenannten VW-Tapes vor einem Monat durch das Onlinemagazin “Business Insider”, das zur Axel-Springer-Holding gehört. Nach den Recherchen hat ein leitender Mitarbeiter in den Jahren 2017 und 2018 die Gesprächsinhalte von 35 Treffen der Sondereinheit “Projekt 1” systematisch aufgezeichnet. Die Taskforce war mit dem Segen des VW-Konzernvorstands eingerichtet worden, um Wege zu finden, die bosnische Prevent-Gruppe nach über vierzigjähriger Zusammenarbeit “auszusteuern”, also abzuservieren. Die Mitschnitte im Umfang von fast 50 Stunden dokumentierten “eindrücklich”, mit welchen Mitteln der Autobauer “nicht selten am Rande der Illegalität” einen missliebigen Geschäftspartner abservieren wollte, schrieb das Magazin Ende Juli.

Mit der bosnischen Prevent-Gruppe des Eigners Nijaz Hastor hatte Volkswagen schon seit längerem im Clinch gelegen. Die Zusammenarbeit, die jahrzehntelang ziemlich reibungslos gelaufen war, gestaltete sich seit 2010 offenbar wegen des starken Preisdrucks der Wolfsburger und fristlos stornierter Aufträge zunehmend schwieriger. Während andere Zulieferer sich dem Diktat fügten, setzten die Bosnier auf Konfrontation, die 2016 in einem Lieferstopp gipfelte: Als zwei Prevent-Tochterfirmen den Nachschub an Getriebegehäusen und Sitzbezügen einstellten, musste VW die Produktion von Golf- und Passat-Modellen tagelang aussetzen, Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit schicken und Millionenverluste hinnehmen. VW streckte daraufhin die Waffen, forcierte aber zugleich Pläne, Prevent ein für allemal rauszuwerfen, was schließlich 2018 mit der Kündigung sämtlicher Verträge erfolgte.

Wer stark ist, kann sich wehren

Freilich mutmaßt man bei Volkswagen, dass Prevent hinter dem Lauschangriff steckt, und will den Fall vor Gericht untersuchen lassen. Wohl auch, weil die kompromittierenden Inhalte der Bänder ohnehin schon raus sind, setzen die Bosse auf die Taktik Vorwärtsverteidigung und präsentieren sich als Opfer finsterer Machenschaften. Dabei spielt ihnen in die Karten, dass bisher sämtliche Streitfälle um angedrohte und erfolgte Lieferstopps zu ihren Gunsten entschieden wurden. Auch nach dem “Sündenfall” im Jahr 2016 setzte es für die Bosnier eine Strafe. “Business Insider” gab dazu einen Unternehmenssprecher wieder: “Ein Gericht hat klar formuliert, dass ein Prevent-Unternehmen ‚mit den Mitteln der Erpressung‘ agiert hat, andere Gerichte haben angesichts des Verhaltens von Prevent einen hohen zweistelligen Millionenbetrag zugunsten der Volkswagen AG eingefroren.”

Hier soll es nicht darum gehen, Prevent zum Unschuldslamm zu verklären. Laut Deutscher Welle (DW) gilt die Gruppe in ihrer Heimat als “Prototyp eines Spielers aus der Phase des aggressiven Kapitalismus nach Ende des Balkankrieges”. Dem Unternehmen eile der Ruf als “unsozialer Arbeitgeber mit inkompetentem Management voraus, was regelmäßig zu Streiks und Klagen führte”. Am wirtschaftlichen Erfolg der Firma bestünden dagegen keine Zweifel, weltweit beschäftige sie “mehr als 10.000” Menschen, davon allein 7.500 in Bosnien. Die ökonomische Stärke hat aus Sicht der Fahrzeugbauer natürlich auch eine Kehrseite: Prevent kann sich wehren und hat dies wiederholt bewiesen.

Den Vorwurf der “Erpressung” reicht Prevent dann auch direkt an den Absender zurück und will selbst rechtliche Schritte gegen den Autokonzern prüfen. “Den Medienberichten zufolge stehen hier Verstöße gegen das Kartellrecht, mögliche Aktien-Insider-Transaktionen, Falschaussagen gegenüber Behörden und Gerichten sowie ein inakzeptabler Umgang mit vielen Zulieferern im Raum”, ließ sich ein Firmensprecher zitieren. “Dies sollte die zuständigen Behörden auf den Plan rufen.” Bis heute wird spekuliert, ob hinter dem Konflikt in Wahrheit ein Preiskampf stand. Wegen der immensen Kosten durch den Dieselskandal musste Volkswagen 2016 seinen Kürzungskurs bei der ohnehin renditeschwachen Kernmarke VW verschärfen.

Exempel statuiert?

War die harte Gangart mit Prevent und der Rauswurf vielleicht nur ein Manöver, um sich insgesamt noch mehr Beinfreiheit im Umgang mit den Zulieferern zu verschaffen? Die Bosnier stellen dies jedenfalls so dar und sprechen von “kriminellem Verhalten”. Volkswagen sei offenbar besessen gewesen von dem Gedanken, “Prevent und seine Tochterunternehmen um jeden Preis zu vernichten”, beklagte der Sprecher. VW habe seine “extreme Marktmacht rücksichtslos” eingesetzt, auch um ein “öffentliches Exempel” zu statuieren. Das System Volkswagen sei grundsätzlich nicht an einer partnerschaftlichen Kooperation interessiert und lasse “jedem Zulieferer so viel Luft zum Atmen, dass er gerade nicht pleitegeht und in maximale Abhängigkeit gerät”.

Der Lieferzoff 2016 war laut Business Insider die Geburtsstunde von “Projekt 1”, deren Sitzungen zwischen Januar 2017 und Februar 2018 von jenem leitenden Mitarbeiter mitgeschnitten wurden, der jetzt (wahrscheinlich) tot ist. Was er auf Band festgehalten hat, birgt reichlich Sprengkraft. Zum Beispiel sollen die Aufzeichnungen Hinweise darauf liefern, wie VW 2018 bei der Übernahmeschlacht um den bayerischen Zulieferer Grammer darauf hinwirkte, dass das chinesische Unternehmen Ningbo Jifeng das Rennen machte. Nicht nur war dessen drittgrößter Kunde damals VW. Mit dem Deal wurde ganz nebenbei auch die Prevent-Gruppe kaltgestellt, die selbst 19 Prozent bei Grammer hielt und nach der Schlappe das Weite suchte .

Mittelständler aushungern

Um die Bosnier auszubooten, soll es ferner “konkrete Überlegungen” gegeben haben, dass VW, Daimler und BMW sich gemeinsam bei Grammer einkaufen, um die renitenten Zulieferer abzuwehren. Obwohl entsprechende Äußerungen per Tonbandmitschnitt belegt sein sollen, bestritt VW auf Anfrage von “Business Insider” abgestimmte Handlungen der drei größten deutschen Autohersteller. Das Thema Grammer gestattet zudem Rückschlüsse auf das Verhältnis zu anderen Zulieferern. Ein Manager wird so zitiert: “Wenn wir jetzt gewisse Mittelständler da aushungern lassen, und wir sagen, da einigen wir uns erstmal nicht, das könnten dann genau die sein, wo die Eigentümerstruktur sagt: Ey, ihr könnt mich mal. Ich verkauf das jetzt an den Prevent.” Eine Kollegin fragt daraufhin: “Wo haben wir Lieferanten, die stark an dem Stahlpreis hängen, im Moment relativ klein sind und die wir aushungern?”

Wie das Magazin in einem weiteren Beitrag nachlegte, dokumentieren die Audiobänder auch damalige Verhandlungen zwischen Volkswagen- und Prevent-Managern. Ein Gespräch fand am 11. April 2017 statt. Dabei bekundeten die VW-Mitarbeiter, die Kooperation vertragsgemäß bis 2024 und womöglich darüber hinaus fortführen zu wollen. Andere Aufzeichnungen belegen dagegen, dass zu diesem Zeitpunkt längst feststand, die Bosnier vor die Tür zu setzen. Nachdem der Prevent-Mitarbeiter nach besagtem Treffen das Zimmer verlassen hatte, äußerte ein VW-Mann: “Er hat nichts mitgeschrieben”, falls es später Probleme gebe, wäre man “zu dritt” gewesen und er “alleine”.

Bei einer Sitzung im März 2017 gab eine Managerin zu bedenken: “Ich weiß nicht, wie das rechtlich zu bewerten ist, wenn wir gefragt werden, ob wir Prevent aussteuern. Was sollen wir dann sagen: Nö? Ich würde das gerne gar nicht ansprechen.” Man werde sagen, sich an geschlossene Vereinbarungen zu halten und regelmäßig die Basis der Geschäftsbeziehungen zu überprüfen, empfahl eine anwesende Unternehmenssprecherin. Die Zweiflerin überzeugte das nicht: “Kann man das rechtlich so stehen lassen, wenn wir jetzt schon wissen, dass wir geschlossene Vereinbarungen kündigen wollen?” Mit diesen Passagen konfrontiert, beschied die VW-Pressestelle, entscheidend seien nicht die Gedankenspiele der Projektgruppe, sondern die umgesetzten Maßnahmen.

Ex-Kanzler “einschalten”

Wie die Bänder ferner belegen, hat man bei VW schon länger geahnt, Ziel von Spionage zu sein. “Wir sind gläsern”, man wisse, “dass die Prevent-Gruppe alles weiß, was wir tun”, es könne sein, “dass hier etwas unter dem Tisch klebt”, ließ eine Managerin verlauten. Schon Anfang 2018 soll es konkrete Hinweise auf einen Spitzel gegeben haben. Dabei kam der Tip ausgerechnet von Prevent. In zahlreichen Briefen an Aufsichtsräte und Vorstände hatten die Bosnier Volkswagen in Kenntnis gesetzt, geheime Unterlagen zugespielt bekommen zu haben. Die Schreiben gingen unter anderem auch an Betriebsratschef Bernd Osterloh und Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stephan Weil, der für das Bundesland als großer Anteilseigner im Aufsichtsrat sitzt.

Diese Vorgänge lassen zumindest daran zweifeln, dass Prevent als Auftraggeber agiert und seinen V-Mann aus dem Weg geräumt haben könnte. Dagegen könnte ein früher “Durchblick” der VW-Führung den Schluss nahelegen, dass der Ertappte schon sehr viel länger unter Druck gestanden hat. Aber das alles ist Spekulation und es bleibt abzuwarten, ob und was die Staatsanwaltschaft an Erkenntnissen ans Licht befördert. Der Beschuldigte selbst hatte bei einer Befragung abgestritten, seinen Arbeitgeber hintergangen zu haben. Die Aufnahmen hätten lediglich der Anfertigung von Gesprächsprotokollen gedient.

Zum Schluss noch eine Merkwürdigkeit: Obwohl äußerst spektakulär und als “größter Abhörskandal in der deutschen Wirtschaftsgeschichte” gehandelt, berichten die Massenmedien ziemlich verhalten über den Fall. Vor allem bediente sich bisher kaum eine Redaktion aus dem umfassenden Material, das “Business Insider” veröffentlicht hat und das noch reichlich mehr Erhellendes offenbart. So ist auf den Bändern wiederholt auch der Name von Ex-Kanzler Gerhard Schröder zu hören. Dieser habe sich “eingeschaltet”, um seine Beziehungen für VW spielen zu lassen. Eine Managerin schlug demnach vor, er solle seine Nähe zu Präsident Wladimir Putin nutzen, um Prevent den Geldhahn in Russland abzudrehen. Auf Anfrage von Business Insider sagte Schröder zur Sache “gar nichts”.