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Die japanische Flagge in Hongkong

Die Kronkolonie vor dem Krieg

(…) sah heute bis aufs Skelett abgemagerte junge Leute in der Nähe der Docks. Sie schleppten sich langsam in Zweierreihen vorwärts, sieben oder acht Leute pro Reihe, mit Seilen aneinandergebunden und von einem Gendarmen geführt. Keine Idee, wohin sie geführt wurden (…) Es herrschte kurz Verwirrung, als einige dieser Skelette sich auf die Essenskörbe einer Marktfrau am Straßenrand stürzten und sich hastig den Mund vollstopften. Gnadenlos die Abrechnung, sie wurden getreten und verprügelt (…) ich konnte nicht verstehen, warum diese armen Kerle auf die Welt gekommen waren, nur um Hungers zu sterben.

Tagebucheintrag von Chan Kwan-Po, Bibliothekar an der University of Hong Kong, notiert am 27. Mai 1945

Selbst bei kleinsten Vergehen wurden Leute hingerichtet, wenn sie das Pech hatten, in die Fänge der gefürchteten japanischen Militärpolizei, der Kempeitai, zu geraten. Diese brauchte keinen Grund, um Leute auf offener Straße zu exekutieren. Sie war das Gesetz, wie die Gestapo in Deutschland. Der Großvater meines Schulfreundes war Bauer. Ihn schossen die Japaner bei der Feldarbeit nieder. Ohne jeden Grund. Sie benutzten ihn einfach als lebendige Zielscheibe. Ein Großonkel von mir starb auf dieselbe Weise.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, bevor Japan den Krieg gegen China entfesselte, war Hongkong nach einem Jahrhundert stetiger Entwicklung zu einem bedeutsamen Warenumschlagsplatz in Ostasien aufgestiegen. Der Handel mit dem chinesischen Festland boomte, während die Briten ihre Kolonie gleichzeitig als strategisch wichtigen Militärstützpunkt in der Region betrachteten. Dennoch hatte das Vorkriegs-Hongkong nicht annähernd die Anziehungskraft und Reputation wie das kosmopolitische, international angesehene und florierende Finanzzentrum Schanghai.

Laut der letzten Volkszählung vor dem Krieg, die 1931 durchgeführt wurde, lebten in Hongkong 840.000 Menschen, von denen etwa ein Drittel angegeben hatte, dort auch geboren zu sein. Generell war unter den Chinesen das Gefühl, zu Hongkong zu gehören, nur schwach ausgeprägt. Ihnen ging es vorrangig darum, dort Geld zu verdienen und in einer relativ sicheren Umgebung zu leben. Die meisten Chinesen erwarteten und verlangten deshalb auch wenig von der Kolonialregierung. Da es selbst wohlhabenden Chinesen nicht möglich war, politisch aufzusteigen und Karriere zu machen, versuchten sie wenigstens, ihren sozialen Status zu verbessern, indem sie sich um die Aufnahme in renommierte Organisationen oder Klubs – wie dem Sanitary Board, dem District Watch Committee und dem Tung Wah Hospital – bemühten.

Die Beziehungen zwischen Chinesen und den europäischen Gemeinschaften in Hongkong waren nicht herzlich. Obgleich die Chinesen im Vorkriegs-Hongkong beträchtlichen wirtschaftlichen Einfluss ausübten, waren Diskriminierungen von Chinesen an der Tagesordnung. Beispielsweise sah eine Verordnung, die Peak District Preservation Ordinance, ausdrücklich vor, dass Chinesen auf diesem höchsten Punkt der Kronkolonie ohne Sondergenehmigung des britischen Gouverneurs nicht wohnen durften, wenn die vorgeschriebene Höchstgrenze von 788 Fuß über dem Meeresspiegel überschritten wurde. Außerdem durften Chinesen in bestimmten Hotels weder nächtigen noch deren öffentlichen Räume betreten. Dieser Diskriminierung nach außen entsprach eine strikte Klassentrennung innerhalb der europäischen Gemeinschaften.

Nachdem Japan im Juli 1937 seine militärische Großoffensive gegen China ausweitete, geriet eine Großstadt nach der anderen unter die Kontrolle der kaiserlichen Truppen – erst Schanghai, dann Nanking (Nanjing), Wuhan und Guangzhou. Die Auswirkungen des Krieges, vor allem der Fall von Guangzhou im Oktober 1938, betrafen Hongkong in besonderem Maße. Hunderttausende von Flüchtlingen strömten innerhalb von zwei bis drei Jahren nach Hongkong, deren Bevölkerung plötzlich über 1,6 Millionen Einwohner betrug. Zum Vergleich: 1937 hatte dort eine Million Menschen gelebt. Kein Wunder, dass dies enorme soziale Probleme mit sich brachte. Alle lebensnotwendigen Dinge, von Wohnraum über Nahrungsmittel bis hin zu Medikamenten, waren auf einmal Mangelware. Die Sicherheitslage war prekär, die öffentliche Ordnung geriet aus den Fugen. Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen seitens der Regierung und lokaler Hilfsorganisationen war es nicht möglich, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Hunger, Unterernährung und Epidemien grassierten vor allem in den Flüchtlingsvierteln. Die Menschen mussten sich an den Anblick von Leichen gewöhnen, die überall auf den Straßen herumlagen.

Bevor Hongkong unmittelbar in das Kriegsgeschehen hineingezogen wurde, evakuierte man die Angehörigen britischer Residenten zwischen 1940 und 1941 nach Australien. Nicht selten zum Verdruss der Ehefrauen, die es vorgezogen hätten, lieber bei ihren Männern zu bleiben. Auch in diesem Fall waren Diskriminierungen zwischen Personen, die über einen britischen Pass verfügten, und solchen, die sich als “reinrassige Briten” verstanden, an der Tagesordnung. Gemäß den damals geltenden Notstandsbestimmungen (Emergency Regulations) war die Evakuierung bestimmter britischer Staatsbürger (in erster Linie Hongkong-Chinesen) sowie portugiesischer und eurasischer Familien, die seit Generationen in Hongkong residierten, nicht vorgesehen. Nur die sich überschlagenden Kriegsereignisse trugen dazu bei, dass nicht noch mehr böses Blut hochkochte.

Zudem waren die britischen Militärkommandeure fest davon überzeugt, dass auf die lokale Bevölkerung im Falle ausbrechender Feindseligkeiten kein Verlass sei. Zögerlich willigten sie ein, in der Kronkolonie lebende Portugiesen in Sonderkompanien zusammenzufassen und sie neben wenigen handverlesenen Chinesen, die an britischen Eliteschulen ausgebildet worden waren, in das Hongkong Freiwilligen-Verteidigungskorps einzugliedern. Die Aufstellung chinesischer Sonderkompanien fand jedoch nicht statt. Chinesische Männer wurden allenfalls als Lastwagenfahrer oder zu anderen nichtmilitärischen Aufgaben dienstverpflichtet. Nur in Ausnahmefällen händigte man ihnen Waffen aus, mit denen sie sich selbst und ihre Familien verteidigten. Auch in den Polizeieinheiten diente quasi nur eine Handvoll von Chinesen, die aber keine Chance hatten, jemals als Offiziere oder Inspektoren aufzusteigen. Somit wurde eine hervorragende Chance vertan, sich der Loyalität des Großteils der Bevölkerung in Hongkong zu vergewissern.

Die Einnahme Hongkongs

Die Schlacht um Hongkong dauerte im Vergleich zu den Offensiven gegen die Philippinen, Birma und Malaya nur kurze Zeit und war rasch entschieden. Generalmajor Christopher M. Maltby, Befehlshaber der Streitkräfte Hongkongs, die sich aus britischen, kanadischen und indischen Truppen sowie ausgewählten lokalen Freiwilligen zusammensetzten, erklärte später, dass die ihm untergebenen Verbände “Gefangene des Schicksals” waren. Widerstand beschränkte sich allenfalls auf Gesten, um Winston Churchills Appell, man werde das British Empire nicht einfach kampflos preisgeben, nicht gänzlich unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Als die Japaner einmarschierten, standen ihnen nur 12.000 Mann gegenüber, darunter 3.000 Inder, die mit 600 Toten die meisten Opfer zu verzeichnen hatten.

Die Schlacht um Hongkong wurde in zwei Phasen geführt. In der ersten Phase, die vom 8. bis zum 13. Dezember 1941 währte, ging es um die New Territories und die Halbinsel Kowloon. Zwischen dem 18. und 25. Dezember war schließlich die Insel selbst betroffen. Am Weihnachtstag 1941, um 15:25 Uhr Ortszeit, verkündete Gouverneur Sir Mark Young offiziell die Kapitulation. Ein historischer Akt; niemals zuvor hatte eine britische Kolonie die weiße Flagge gehisst und sich gegnerischen Truppen ergeben. Verbissen kämpften die Verteidiger lediglich in den letzten Momenten vor der Kapitulation. Danach, als sich deren Truppen samt medizinischem Personal bereits ergeben hatten, verübten die vorrückenden japanischen Einheiten mehrere Massaker. In dieser Schlussphase des Gefechts waren große Verluste auf beiden Seiten zu verzeichnen: Über 2.000 toten Verteidigern standen, so jedenfalls die offizielle Version des japanischen Generalstabs, nahezu 700 gefallene japanische Soldaten gegenüber. Diese Zahl dürfte allerdings höher gewesen sein.

Am meisten litt die Zivilbevölkerung, die auch die schmerzlichsten Verluste hinnehmen musste. Bis heute ist allerdings nicht bekannt, wie viele Menschen damals ihr Leben verloren. Genaue Zahlen sind deshalb so schwierig zu ermitteln, weil sich während der Kampfhandlungen zahlreiche Flüchtlinge in Hongkong aufhielten, deren Tote nirgends registriert wurden. Und nach den Kampfhandlungen wurde eine Großzahl von Flüchtlingen aus der Stadt verjagt, sie starben an unbekannten Orten. Ebenfalls nicht erfasst wurden die Opfer der lokalen Residenten. Der Blutzoll war besonders hoch in den dicht besiedelten Küstengebieten im Norden Hongkongs, die das Ziel heftiger japanischer Luft- und Artillerieangriffe bildeten. Da während der japanischen Besatzungszeit außerdem etwa die Hälfte der lokalen Residenten Hongkong – freiwillig oder unter Androhung von Zwang – verließ und die meisten nach Kriegsende nicht wieder in die Stadt zurückkehrten, bleibt es unmöglich, die genaue Zahl der zivilen Opfer auszumachen.

Die japanische Okkupation

Die ersten Tage der japanischen Besatzung waren von Chaos und Anarchie geprägt. Plünderungen, Zerstörungen und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Dr. Li Shu-Fan, ein prominenter Chinese und Augenzeuge des Falls von Hongkong, schätzt ihre Zahl auf über 10.000:

“Die genaue Zahl der vergewaltigten Frauen wird wahrscheinlich im Dunkeln bleiben. Doch es waren zahlreiche Opfer: 10.000 dürfte wohl zu niedrig gegriffen sein, und die angewandten Methoden waren abstoßend brutal. Allein in meinem Krankenhaus behandelten wir Opfer im Alter von jungen Teens bis über Sechzigjährige.”

In einer der ersten Stellungnahmen, die das Exekutivkomitee der Chinesischen Handelskammer am 13. Januar 1942 veröffentlichte, forderte sie denn auch “den Schutz von Hausfrauen durch die Wiedereröffnung von Bordellen.” Vergewaltigungen, Plünderungen und Gesetzlosigkeit hatten aus japanischer Sicht einen besonderen Effekt; die Chinesen sollten systematisch verunsichert und zur Kollaboration gezwungen werden. Der Preis, den die Bevölkerung Hongkongs zu zahlen hatte, war hoch: Um halbwegs in den Genuss von Stabilität und Ordnung zu gelangen, mussten sie mit den Besatzern zusammenarbeiten. Natürlich wurde das in Hongkong ebenso wenig gern gesehen wie in jenen Ländern, die die Nazis überfallen und besetzt hatten.

Die japanische Besatzungszeit kennzeichnete zwei Phasen. Zunächst galt eine vergleichsweise kurze Zeit der direkten militärischen Okkupation, die am 22. Februar 1942 endete, als mit Generalleutnant Isogai Rensuke der erste japanische “Gouverneur des Eingenommenen Territoriums von Hongkong” sein Amt antrat. Während des ersten Jahres seiner Herrschaft waren die Verhältnisse den Umständen entsprechend ruhig. Das änderte sich ab Anfang 1943, als Japans Seehandel durch die Zerstörung des Löwenanteils seiner Handelsflotte empfindlich beeinträchtigt wurde und die Importe nach und Ausfuhren aus Hongkong einem Vabanquespiel glichen. Ab 1944 verschlechterten sich die Lebensbedingungen dramatisch; die Nahrungsmittelvorräte gingen zur Neige, die Bevölkerung hungerte und die Wirtschaft befand sich in einem katastrophalen Zustand.

Während ihrer gesamten Besatzungszeit war es den Japanern nicht gelungen, in Hongkong eine einheitliche Verwaltungsstruktur zu schaffen. Es gab unterschiedliche, jeweils auf autonome Entscheidungen bedachte Verwaltungsapparate – die Streitkräfte, die Zivilverwaltung und die Gendarmerie – die nicht selten isoliert voneinander oder gar gegeneinander operierten. Fehlentscheidungen, Ineffizienz und Willkür waren die Folge. Isogai praktizierte eine (Kriegs-)Politik, die durch und durch rassistisch war: ein Kampf der farbigen Rassen gegen die Weißen. Obgleich er es ermöglichte, dass dem Marionettenregime in Nanking einige ausländische Konzessionen zurückgegeben wurden, dachten die Japaner nicht im Traum daran, Hongkong einem wie auch immer gearteten chinesischen Regime zu überlassen oder es an China zurückzugeben. Für Japan war und blieb Hongkong ein “Eingenommenes Territorium”, das man auf keinen Fall wieder preisgeben wollte.

“Japanisierung” des öffentlichen Lebens

Die Japaner ließen keine Gelegenheit aus, die vergangenen Übel des Kolonialismus anzuprangern und die Diskriminierungen öffentlich zu kritisieren, denen die Asiaten unter der Herrschaft der Briten ausgesetzt waren. Doch sie selbst führten sich als Kolonialisten auf, deren Herrschaft in vielerlei Hinsicht brutaler, bürokratischer, korrupter und ineffizienter als die der Briten war. Die japanischen Beamten, gewöhnlich assistiert von Einheiten der Streitkräfte, agierten wie feudale Kriegsherren. Zwei Dinge trugen wesentlich dazu bei, dass die Entfremdung zwischen Hongkong-Chinesen und Japanern nie überwunden wurde und sich eine Zusammenarbeit zwischen beiden nicht einstellte: Das betraf zum einen den korrupten, irrationalen und äußerst gewalttätigen Regierungsstil. Andererseits wurde seitens der japanischen Besatzer alles getan, um jeden Ansatz von sozialer Gleichheit zu ersticken und Chinesen unbedingt zu Japanern zu machen.

Die Bevölkerung wurde traktiert und schikaniert mit einer Vielzahl von Erlassen und Anordnungen, die selbst Details im alltäglichen Leben regelten. So mussten sich die Leute, wenn immer sie einen japanischen Wachposten passierten, vor diesem verbeugen; Mahjong, ein unter Chinesen beliebtes Freizeitspiel, und Tanzen auf öffentlichen Plätzen wurden verboten; Choleraimpfungen wurden zwangsweise durchgeführt; den Einwohnern wurde eine jährliche Hausreinigungskampagne verordnet; das Mitführen schwer erhältlicher Ausweispapiere, womit jede Reise von und nach China sowie nach Macao streng kontrolliert werden sollte, war Pflicht, eine Regelung, die vor dem Krieg nicht existierte. Einen Verstoß gegen diese Vorschriften konnten die Japaner sofort zum Anlass nehmen, jeden Chinesen zu demütigen oder ihn hart zu bestrafen. Augenzeugen berichteten mir, dass hingerichtete Opfer der Kempeitai mit Seilen oder Stacheldraht zusammengebunden und kurzerhand ins Hafenbecken geworfen wurden.

Die “Japanisierung” Hongkongs setzte unmittelbar nach der Kapitulation ein. Zunächst wurden sämtliche sichtbaren Zeichen britischer Herrschaft – wie englische Straßenschilder, Reklamen und Geschäftsnamen – entfernt, Straßen, Distrikte und öffentliche Gebäude umbenannt beziehungsweise mit japanischen Inschriften versehen. Dies geschah mit gezielter Indoktrinierung der Bevölkerung, die sich an japanischen Wertvorstellungen und Idealen zu orientieren hatte. Die meisten japanischen Feste, Feiertage und Zeremonien wurden fortan auch in Hongkong begangen. Und es wurde erwartet, dass jeder daran teilnahm. In den Schulen wurden die Curricula geändert; Japanisch wurde Pflichtfach. Insgesamt konnten während der gesamten Besatzungszeit allerdings nur wenige junge Leute die Schulbank drücken; Bildung und Ausbildung blieben ein Luxus. Im Jahresbericht 1946 der Hongkonger Regierung hieß es, dass, “soweit dies bislang zu überblicken ist, während der gesamten Dauer der japanischen Besatzung weniger als ein Zehntel der 120.000 Schüler, die es im Jahre 1941 gegeben hatte, in den Genuss eines Schulunterrichts gekommen ist. Im August 1945 war dieser Anteil auf gerade mal 3.000 Schüler gesunken”.

Die Japaner froren Bankguthaben ein und Leute, die noch über größere Bargeldreserven verfügten, saßen bald auf einem Haufen wertlosen Papiers. Den Hongkong-Dollar ersetzte der japanische Militär-Yen, der ab Juni 1943 einzig gültiges Zahlungsmittel wurde. Einst wohlhabende Geschäftsleute und Händler waren über Nacht ruiniert. Eine beträchtliche Summe der so “akquirierten” Hongkong-Dollar, der außerhalb Hongkongs nach wie vor konvertibel und als Devise geschätzt war, gelangte in die nahegelegene portugiesische Kolonie Macao. In dieser damals neutralen Stadt konnten die Japaner das Geld zum Unterhalt ihrer Kriegsmaschinerie verwenden. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Ausbeutung und Plünderung Hongkongs durch Japan lässt sich bislang nicht genau ermessen. Lokale Händler und Industrielle wurden angehalten, sich “freiwillig” in Vereinigungen zu organisieren, um Japans Krieg zu unterstützen.

Zwischen 1942 und 1945 verringerte sich Hongkongs Bevölkerung um etwa eine Million Menschen. Viele irrten infolge der Kriegswirren umher, bis schließlich etliche von ihnen in ihrer einstigen südchinesischen Heimat landeten, wo die Japaner bereits eine Politik der verbrannten Erde betrieben hatten. Der Jahreswechsel 1944/45 war die Zeit der schlimmsten und größten Massendeportationen. Leute wurden wahllos auf den Straßen aufgegriffen, hinter streng bewachte Absperrungen gepfercht, nach und nach in Transitcamps gesperrt oder auf Boote verfrachtet, von denen viele im stürmischen Wellengang des Südchinesischen Meeres kenterten und die Insassen in den Tod rissen.

“Verunsichert, traumatisiert und brutalisiert”

Im März 1945 tauchten verstärkt Poster auf, die junge und starke Männer dazu aufriefen, in den Bergwerken auf der Insel Hainan vor der Küste Vietnams zu arbeiten. Man versprach ihnen sogar einen guten Lohn. Insgesamt 7.000 Chinesen folgten diesem Lockruf. Sie wurden nach Hainan verschifft und mussten dort Straßen bauen und in Eisenerzminen schuften. 5.000 von ihnen überlebten die Strapazen nicht; sie starben an Unterernährung, Erschöpfung oder Krankheiten. Mindestens die Hälfte derer, die während der japanischen Okkupation repatriiert beziehungsweise aus Hongkong vertrieben wurden, kehrte nicht mehr zurück. Ende August 1945 war die Bevölkerungszahl Hongkongs auf weniger als 600.000 Einwohner gesunken. Die Flüchtlinge liefen zu Fuß zurück in ihre Dörfer, ihre Wege waren übersät mit Leichen. Manche vermochten nur zu überleben, weil sie Toten die Kleider auszogen und sie unterwegs verkauften – Zeichen einer zutiefst verunsicherten, traumatisierten und brutalisierten Gesellschaft.