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Der Versand kopiert das Auto

Der Kunde wünscht einen neuen Pulszähler, weil der alte – wie schon viele seiner Vorgänger – nach zweijährigem Gebrauch ausgestiegen ist. Im Laden ist das gewünschte Modell nicht vorrätig. Aber er könne das Produkt bestellen und ihm per Post schicken, sagt der Verkäufer; die Versandspesen seien inbegriffen. Der Kunde zahlt bar.

Drei Tage später findet der Kunde im Milchkasten ein Paket, 35 Zentimeter lang, 24 Zentimeter breit, 15 Zentimeter hoch und kinderleicht. Darin befindet sich, so stellt er beim Auspacken fest, allerlei Papier und ein zweites, halb so langes und breites Paket. Und im zweiten Paket stecken, säuberlich zusammengerollt, ein Pulsgurt und eine Pulsuhr, letztere 4 Zentimeter hoch und 3 Zentimeter breit; weniger als 50 Gramm schwer.

Auf einem der Papiere steht die Adresse der Lieferfirma, falls der Kunde das Paket zurückschicken will, auf einem andern der Hinweis, der Rückversand sei “kostenpflichtig”. Zum Glück für ihn und die überlasteten Postboten ist das diesmal nicht nötig, zeigt die Prüfung des Produkts: Nach 15 Betriebssekunden markiert das Gerät 70 Herzschläge pro Minute, etwas mehr als üblich, aber das ist nicht verwunderlich, denn Konsumieren macht nervös. Ein Föteli (siehe oben) schliesst den Kaufprozess ab.

So wie dem hier schreibenden Kunden geht es an diesem und andern Tagen wohl Tausenden von Konsumentinnen und Konsumenten. Denn der Onlinehandel boomt ebenso wie der Lieferwagenverkehr, zusätzlich gefördert durch die Weihnachtszeit sowie die coronabedingt beschränkten Ladenöffnungszeiten. Weil Karton und Transport spottbillig sind, schmälern überdimensionierte Verpackungen das Geschäft des Versandhandels nur marginal. Auch den Konsumentinnen und Konsumenten schlägt die Ineffizienz nicht auf den Geldsack, denn die Kartonsammlung ist in den meisten Gemeinden gratis.

Die Verschwendung spiegelt sich in der Statistik: Menge und Anteil des Kartons im Abfall haben in den letzten zehn Jahren und speziell im Corona-Jahr 2020 stark zugenommen. Das rührt daher, dass die meisten Verpackungen nach dem Versand im Müll oder in der Kartonsammlung landen. Eine der wenigen Ausnahmen ist die ökologisch bewusste Weinhandelsfirma Delinat; sie nimmt ihre robusten Kartonverpackungen, mit denen sie ihren Biowein an die Haushalte liefert, wieder zurück und verwendet sie mehrmals.

Mit seinen ineffizienten Verpackungen wandelt der Versandhandel auf den Spuren des Autoverkehrs. Dort ist die Verpackung – in Form von Eisen, Blech, Plastik und Textilien – ebenfalls viel umfangreicher und mit einem Gewicht von durchschnittlich 1,7 Tonnen obendrein zehn bis zwanzigmal gewichtiger als der Inhalt in Form von mehrheitlich nur einer Person. Ein Unterschied besteht immerhin: Nicht jedes Paket braucht einen eigenen Motor, zumindest solange nicht, als die Pakete mehrheitlich in Lieferwagen transportiert werden. Mit dem Umstieg auf Drohnen kann sich das allerdings ändern.