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Korrupt ist der Russe

Der Fall Wirecard ist der größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegszeit. Über Jahre hinweg trommelten Analysten für die Aktie, Prüfer hielten die Hand auf, Aufseher schauten weg und Politiker gaben Schützenhilfe. Felix Holtermann hat Wirecard früh kritisch durchleuchtet und brisantes, bislang unveröffentlichtes Material zutage gefördert – unter anderem die letzten Nachrichten des Vorstands Jan Marsalek auf der Flucht. Und er legt mit “Geniale Betrüger” nun ein Buch vor, das tief blicken lässt und die Defekte der deutschen Finanzwelt gnadenlos offenlegt. Ein Auszug.

So frappierend lang war die Liste an Günstlingen und Geldempfängern des Konzerns, dass der neue – und letzte CEO – James Freis, der nach dem Rücktritt Brauns Ende Juni bei Wirecard das Ruder übernahm, aus allen Wolken fiel.

Freis berichtete nach seinem Ausscheiden aus dem insolventen Konzern von der schieren Masse an externen Parteien auf der Payroll von Wirecard: Berater, Rechtsanwälte, Prüfer und andere Experten, darunter viele “mit großen Namen”: “Ich habe sie innerhalb der ersten Tage nach meinem Antritt gefeuert”, so Freis.

Die Kosten, die Wirecard durch sein Netzwerk an hochbezahlten Unterstützern über die Jahre aufgetürmt hat, liegen im dreistelligen Millionenbereich. Eine vertrauliche Aufstellung des Konzerns weist allein für das Jahr 2019 Ausgaben von knapp 45 Millionen Euro aus. Und auch das könnte noch nicht vollständig sein. Ein Insider berichtet von Beraterkosten von insgesamt 120 Millionen Euro pro Jahr.

Die Konzernliste für 2019 liest sich dabei wie das “Who is Who” der deutschen Beraterszene. Mit dabei: große Namen, darunter die Prüfer und Berater von EY, PwC und KPMG, die Rechtsanwälte und Steueroptimierer von Fieldfisher, Gibson Dunn, Latham & Watkins, Bub Memminger und Baker Tilly sowie diverse PR-Berater, darunter Hering Schuppener, WMP, Edelman und Cardo Communications.

Unter dem ehemaligen stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteur Michael Inacker bot WMP ab Ende 2016 Wirecard PR-Aktivitäten an, wie der Stern berichtete für ein Basishonorar von 35.000 Euro pro Monat oder 420.000 Euro pro Jahr. Unter anderem sollte WMP für Wirecard eine schwarze Liste offenbar unliebsamer Journalisten erstellen und eine positiv konnotierte weiße: “WMP identifiziert in Absprache mit Wirecard die relevanten Medienvertreter (›black list‹/›white list‹)”, heißt es demnach in einem Papier. Unter anderem bot WMP auch ein breiteres Konzept namens “Drachenblut” an. Bebildert mit einem muskulösen Siegfried, der einen Drachen ersticht, versprach das Konzept, “das Unternehmen unverwundbar zu machen”. Die Arbeit von WMP für Wirecard endete Anfang 2020.

Auch Cardo-Chef Dirk Große-Leege brachte sich ein. Der frühere Chefkommunikator von VW konzipierte laut E-Mails umfangreiche presserechtliche Optionen, Hintergrundarbeiten und sonstige Maßnahmen mit Bezug auf kritische Journalisten. In einer internen Mail an Wirecards Kommunikationschefin zieht er Anfang 2020 Bilanz: “Ich habe unsere Arbeit im Dezember nochmals nachvollzogen. Im Mittelpunkt stand unsere Diskussion (…), wie wir mit der Berichterstattung im Spiegel und Herrn Holtermann umgehen. Dabei haben wir zum einen presserechtliche Optionen besprochen. Wichtiger war jedoch unsere Hintergrundarbeit, um eine weitere Verbreitung der wilden Thesen zu verhindern.”

Stellung nehmen will Große-Leege zu seiner Tätigkeit für den Skandalkonzern aus Aschheim heute nicht mehr, auf Anfrage lehnte er einen Kommentar ab. Dabei ist er in bester Gesellschaft.

Noch kurz vor Schluss, 2020, setzte Wirecard auf weitere Türöffner, wohl in dem verzweifelten Versuch, die öffentliche Meinung noch einmal zu drehen. Mit an Bord: der frühere Bild-Chefredakteur und heutige PR-Berater Kai Diekmann. “Lieber Herr Dr. Braun, es macht fassungslos, wie Fakten und Darstellung von Fakten auseinanderfallen können. Bleiben Sie stark!”, schrieb Diekmann noch am 14. Mai 2020 an den CEO. Sechs Wochen später war Wirecard pleite. Anfang 2020 hatte Diekmann an Braun bereits geschrieben: “Wann immer Sie etwas auf dem Herzen haben sollten, bin ich jederzeit verfügbar.” Mit seinen Kontakten in Berlin, darunter auch zu zwei Staatssekretären, sollte sich Diekmann Berichten von WDR, NDR und SZ zufolge für ein erneutes Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien einsetzen.

Dazu kam es nicht mehr. Kurz vor dem Untergang konnte selbst Wirecards exklusives Netzwerk in die Führungsetagen der deutschen Politik den Verlauf der Ereignisse nicht mehr stoppen.