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Mythen und das Weltbild

“Niedergangsgeschrei über den Verfall der Sitten ist so alt wie die Menschheit – und die Welt ist noch immer nicht untergegangen.” So tröstet Sebastian Herrmann in der Sonntags Zeitung vom 11. April 2021 seine Leserschaft. Er beteuert: “Im Gegenteil, es geht den meisten Menschen besser denn je.” Herrmann behauptet: “Je besser es uns geht, desto mehr haben wir das Gefühl, dass sich die Dinge zum Schlechteren entwickeln.”

“Gefühl” in finsteren Zeiten zu leben

Als  blosse Gefühle hatte zuvor schon das deutsche Magazin “Der Spiegel” vom 3. April 2021 die grundlegend bedrohlichen, kurz- und langfristigen Probleme der Welt (weg-)erklären wollen. Unter dem Titel “Kriege, Krisen, Krankheiten: Warum die Welt trotzdem immer besser wird” verbreitete das Hamburger Blatt schon auf seiner Frontseite viel Hoffnung.

Als medialer Muntermacher gegen “Miesepeter und Pessimisten” betätigt sich in der Titelgeschichte im Innern des Hefts über sieben Seiten dann Ullrich Fichtner. Es sei “ein vorherrschendes Gefühl, dass wir in finsteren Zeiten leben”, stellt er zu Beginn seines rundum positiv gehaltenen Essays fest. Und etwas später: “Dass am Ende alles böse enden werde, davon sind viele Menschen überzeugt.” Grund: “Der Miesepeter weiss stets, wie alles ausgeht: schlecht.” Sehr zu unrecht jedoch, wie Fichtner meint, denn: “Die Zukunft gehört den smarten Realisten. Sie wissen die Menschheit auf dem guten Weg – und verstehen Hoffnung als Arbeit.”

Für den mehrfach ausgezeichneten Autor, der “den Volkssport der Schwarzmalerei hinterfragen” will, ist “Hoffnung eine grosse Macht”. Er beruft sich dabei auf den Philosophen Ernst Bloch und sein berühmtes Werk “Prinzip Hoffnung”. Mit diesem Prinzip versucht Fichtner, “aus der negativen Grundstimmung auszusteigen und das Positive nicht immer gleich wegzufiltern.” Und siehe da: Der Mann “kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus”.

Hoffnung dank den Klimazielen

So staunt er etwa darüber, dass es heute weltweit prozentual weniger Arme gebe – und real mehr Demokratien als früher. Er vermerkt als positive Entwicklung, “dass in Nigeria jedes Jahr mehr Filme produziert werden als in Hollywood” oder dass “in Senegal Mindestlöhne für Tänzerinnen und Musiker ausgehandelt werden”. Im Weiteren schöpft Fichtner Hoffnung aus den Klimazielen, auf die sich 195 Länder und Bündnisse 2015 in Paris geeinigt haben. “Seither ändert sich die Welt täglich zum Besseren”, freut er sich. Und er verweist auf die besiegten, schlimmen Krankheiten: Wundstarrkrampf, Kinderlähmung, Pocken, Masern, alle weltweit schon fast ausgerottet.

Kurz und ganz gut: “Die Welt kommt weiter, Länder schreiten voran, Millionen Menschen haben ein besseres Leben.” Bald auch wieder in Amerika, wie der Spiegel-Autor betont: “In den USA wurde ein Klimaleugner abgewählt, und der neue Präsident Joe Biden hat nicht nur die versprochene Rückkehr seines Landes unter das Dach des Pariser Abkommens sofort vollzogen, sondern schnürt gerade Billionenpakete für den ökologischen Umbau der USA.”

Militarisierung trotz Corona-Krise unterschlagen

Das alles finde zu wenig Beachtung, klagt der Essayist: “Aus Gründen einer schwarzen Ökopädagogik” werde leider “ständig unterschlagen, dass sich die vielen Bemühungen zu lohnen beginnen, und dass es handfeste Fortschritte gibt bei der Rettung der Welt”. Er selber unterschlägt allerdings, dass sein ökologischer Hoffnungsträger in den USA, Präsident Joe Biden, diese Welt gerade wieder konfrontativ in Freund (EU, Grossbritannien, Saudi-Arabien, Japan) und Feind (China, Russland, Iran, Kuba) aufteilt.

Mehr noch: Fichtner verschweigt, dass die Konfrontationspolitik der USA einhergeht mit massiver Militarisierung und Aufrüstung. Bidens “Westen”, den der US-Präsident unter Zuhilfenahme “seines” Nordatlantikpaktes “Nato” hinter seine Welt-Führung scharen will, gibt jetzt schon weit über 1000 Milliarden an Steuergeldern jährlich für Rüstung, Militär und Kriegsführung aus. Rechnet man die teils stark militarisierten “Freunde” der USA weltweit (von Saudi-Arabien bis Australien) dazu, verantwortet Bidens “Koalition der Willigen” annähernd zwei Drittel der totalen Militärausgaben.  

Insgesamt haben die Herrschenden dieser Welt im Corona-Jahr 2020 ihre Verteidigungs- und Kriegsbudgets um 3,9 Prozent auf fast 2000 Milliarden erhöht. Theo Sommer entsetzt sich darüber in der “Zeit” angesichts der Corona-Krise. “Es ist heller Wahnsinn: Sie rüsten auf!” Und sie rasseln wieder lauter mit ihren Säbeln: Zusätzliche US-Schlachtschiffe und Flugzeugträger im Chinesischen und im Schwarzen Meer, grössere Nato-Manöver in Osteuropa – und im Gegenzug russischer Truppenaufmarsch an der Westgrenze dieses Landes.

Wachstums- und Verschleisswirtschaft verdrängt

Derlei friedensbedrohende Ereignisse erschrecken die medialen Muntermacher nicht: In ihrer “immer besseren Welt” kommt der Aufrüstungs-Wahnsinn gar nicht vor. Militär und Krieg werden höchstens erwähnt, um positiv zu berichten, die Zahl der alljährlich in Kriegen Getöteten sei rückläufig.

Die als ruinös erkannte, aber dennoch fast totalitär herrschende Wachstums-Wirtschaft beunruhigt sie ebenso wenig. Dass diese Verschleisswirtschaft nun schon nach knapp zwei Dritteln des Jahres (der “Earth Overshoot Day” war 2020 der 22. August) von den endlichen Vorräten der zusehends ausgeplünderten und belasteten Welt zu leben beginnt, ist ihre Sorge nicht. Dass dieses permanente Fiasko ungebremst weiterläuft, stört sie kaum. Herrmann raunt in der SonntagsZeitung lieber psychologisierend: “Wenn sich die Dinge zum Besseren entwickeln, ernennen die Menschen eben immer kleinere Anlässe zur Katastrophe.”

Auch Fichtner bemüht die Psychologie, die gezeigt habe, “dass der Mensch dazu neigt, seine Aufmerksamkeit vorzugsweise auf negative und bedrohliche Dinge zu richten – und weniger auf positive und angenehme”. Er erinnert an Newton, Einstein und Marie Curie. Und schwärmt: “Das Genie des Menschen, sein Entdeckertrieb, sein Erfindungs- und Unternehmergeist, sie sind offenkundig unerschöpflich.” Er philosophiert mit Bloch: “Durch das Doppelte von Mut und Wissen kommt die Zukunft nicht als Geschick über den Menschen, sondern der Mensch kommt über die Zukunft.”

Dass trotz verzweifelter Warnungen der UNO jedes Jahr 80 Millionen Menschen zusätzlich “über die Zukunft der Welt kommen” – und diese derart bevölkern, dass es bald zehn Milliarden sein werden, ist für ihn kein Problem: Entsprechende Besorgnis könne man “einfach streichen”.

“Ausbruch von Optimismus” auch bei Wirtschafts-Eliten

Das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum geht weltweit weiter, wenn man vom kurzfristigen Corona-Knick absieht. Alles kein Problem, behaupten die medialen Muntermacher. Dieses “Gefühl” herrscht indes nicht nur in Redaktionsstuben, sondern auch in den Chefetagen der globalen Wirtschafts-Eliten:

“Nach einem Jahr Pandemie mit Lockdown und Entbehrungen kommt es zu einem massiven Ausbruch von Optimismus”, prophezeit Holger Zschäpitz in der “Welt” vom 12. März 2021 und konstatiert: “Top-Manager sind so optimistisch wie nie zuvor.” Dabei stützt er sich auf eine Studie der Firma PwC, die zeige, dass 76 Prozent von 5000 befragten Führungskräften mit einem massiven Wirtschaftswachstum in den kommenden Monaten rechnen. Dieses Wachstum bringe einen “Rekord” und einen “Stimmungsumschwung so markant wie noch nie.”

Die Sorge der Wirtschafts-Führer “vor den Auswirkungen des Klimawandels und vor Umweltschäden” sei hingegen “kräftig zurückgegangen”, berichtet Zschäpitz weiter. Kummer bereiteten den Top-Managern hingegen die Regulierungen: 87 Prozent der Wirtschafts-Bosse sähen in “Auflagen und Vorschriften ein Risiko”. 

“Umbau der Welt” mit Baumpflanzen in Afrika

Vorschriften zum Schutz von Mensch und Umwelt tangieren die Interessen jener, welche die Natur am liebsten uneingeschränkt (dereguliert) ausbeuten möchten. Diese Ausbeutung zeigt sich besonders brutal bei der Abholzung der Regenwälder: Pro Jahr werden 158 000 Quadratkilometer tropischer Regenwald abgeholzt, berichtet die deutsche Informationsplattform “Abenteuer Regenwald”. Für Muntermacher Fichtner ist dies natürlich ein viel zu “miesepetriges” Thema. Er beschreibt und zeigt im Bild lieber “positiv” Aufforstungsaktionen in Afrika: Das sei der “ökologische Umbau der Welt”.

Dumm ist nur, dass gleich in der nächsten Ausgabe des gleichen Magazins (10. April 2021) seine Baum-Euphorie massiv relativiert wurde: “Immer mehr Regierungen, Firmen und Verbraucher rechnen sich ihre CO2-Bilanz schön, indem sie Wald pflanzen lassen”, kann man da lesen. “Ein Millionengeschäft – aber für das Klima häufig völlig nutzlos.” Denn: “Baumpflanzungen als Allheilmittel für die Klimakrise” zu bezeichnen sei “ein politischer Mythos”.

“Wunschbilder im Spiegel”

Mit Mythen hat Fichtner allerdings Erfahrung: Er war beim Spiegel der Entdeckter und Förderer jenes preisgekrönten “Starreporters” Claas Relotius, der Ende 2018 als systematischer Fälscher von mehr als 50 Reportagen entlarvt wurde. Fichtner stolperte 2019 über diese Affäre aus der Spiegel-Chefredaktion. Nun verbreitet er in dem Hamburger Blatt die Kraft des positiven Denkens und hoffnungsvolle Geschichten, selbst wenn diese nicht viel mehr sind als “politische Mythen”. Oder wie der Titel des dritten Kapitels in Ernst Blochs zitiertem Werk (erster Band) treffend lautet: “Wunschbilder im Spiegel.”