Logo
Cover

China und das Elektro Auto

Xpeng Motors wurde 2014 gegründet und gilt damit eigentlich als Start-up-Unternehmen. Dennoch hat der chinesische Autobauer bereits ein grosses Montagewerk für Elektroautos in Südchina eröffnet, baut aktuell ein zweites und hat ein drittes angekündigt. Auch Nio, ebenfalls erst 2014 gegründet, bereitet bereits den Bau einer zweiten Elektroauto-Fabrik vor.

Chinesische Hersteller profitieren von der Bereitschaft der Investoren

China ist daran, bei der Produktion von vollelektrischen Autos den Westen alt aussehen zu lassen, ähnlich wie China es bereits mit der Produktion von Solarzellen getan hat. Das zeigte eine Reportage von Keith Bradsher, China-Korrespondent der “New York Times”, unter dem Titel “China Bets on Electric Car Domination”.

Es sind nämlich nicht nur die jungen, “kleinen” Autobauer, die aufs Gaspedal drücken:

China errichtet Herstellungskapazitäten für Elektroautos fast so schnell wie der ganze Rest der Welt. Chinesische Hersteller nutzen die Milliarden, die sie von internationalen Investoren und lokalen Führern erhalten, um etablierten Autoherstellern den Markt streitig zu machen.

Gleich viele Elektroautos aus China wie aus dem Rest der Welt

Viele Akteure sind Neulinge in der Autoindustrie und gehen damit Risiken ein. Denn etablierte Autofirmen haben einige Vorteile. Für die neuen chinesischen Automarken wird die fehlende Bekanntheit eine grosse Herausforderung. Sie setzen darauf, dass Autofahrer in China und weltweit bereit sind, 40’000 Franken und mehr für Marken auszugeben, von denen sie noch nie gehört haben. Die Marken sind selbst vielen Chinesen unbekannt. Gegen Buick, Volkswagen und Mercedes-Benz müssen sie sich ihren Platz erst noch erstreiten. Aber chinesische Autohersteller kämpfen dafür, dass ihre Pläne aufgehen.

China wird bis 2028 über acht Millionen Elektroautos pro Jahr herstellen. Das schätzt LMC Automotive, ein globales Datenunternehmen (siehe Grafik unten). Europa dürfte dann 5,7 Millionen vollelektrische Autos produzieren. Auch global tätige Autokonzerne tragen übrigens zu Chinas Vorherrschaft bei: Volkswagen hat kürzlich mit dem Bau seiner dritten chinesischen Fabrik für Elektroautos begonnen.

China and the E-Car

Mehr Ladestationen als anderswo

In China ist das Netz an Ladestationen deutlich weiter fortgeschritten als anderswo. Die Regierung unterstützt die Installation von 800’000 öffentlichen Ladestationen im ganzen Land. Die Knappheit an öffentlichen Ladestationen trägt in anderen Ländern dazu bei, dass statt Elektroautos viele Plug-in-Hybride in den Verkauf kommen. Aber weltweit ist der Markt für rein elektrische Autos bereits heute grösser – und der Abstand vergrössert sich weiter. Autohersteller wie GM planen deshalb, Benzin- und Dieselautos in den nächsten 15 Jahren aus dem Sortiment zu kippen.

Enorme Investitionen von Start-ups

Der bekannte chinesische Branchenveteran Geely hat als Name für seine Elektroautos Zeekr (Aussprache “Siikr”) gewählt – in Anlehnung an Englisch “Seeker”, deutsch “Sucher” oder “Suchender”. Das Unternehmen plant, im Oktober mit der Auslieferung von Autos zu beginnen. Zeekr wird in der neuen Elektroautofabrik in der Nähe von Ningbo an der chinesischen Ostküste hergestellt. Die Fabrik ist ein riesiger Raum mit kilometerlangen weissen Förderbändern und Reihen von fünf Meter grossen cremefarbenen Robotern – hergestellt von ABB. Die Fabrik hat eine Anfangskapazität von 300’000 Autos pro Jahr, grösser als die meisten Autofabriken in Detroit, und sie bietet auch noch Platz für Erweiterungen.

Evergrande hat seine Marke Hengchi (“Hengtschi”) benannt. Eine Börsenhysterie für Elektroautos hat die Aktien der Elektroautoeinheit hochgetrieben. Evergrande plant, 2025 eine Million vollelektrische Autos pro Jahr zu verkaufen. Auch die Online-Plattform Alibaba hat mit zwei staatlich unterstützten Firmen ein Elektroauto-Joint-Venture unter dem Namen IM Motors gegründet. Anfang nächsten Jahres soll die Auslieferung von Autos beginnen.

Evergrande und Geely sind riesige etablierte Unternehmen; wie ist es aber möglich, dass ein Start-up wie Xpeng (“Äxpang”) innert wenigen Jahren für Unsummen neue Fabriken bauen kann? Denn auch Xpeng plant, bis zum Jahr 2024 eine Produktion von 300’000 Autos pro Jahr zu erreichen. Die Geschichte ist stark an die Person He Xiaopeng gekünpft, der Xpeng nach sich selbst benannt hat.

Wirtschaftsförderung auf Chinesisch

Sein erstes Vermögen machte He Xiaopeng mit einer Handy-Browser-Firma. Im Jahr 2014 verkaufte er sie an Alibaba und wurde Präsident einer Geschäftseinheit von Alibaba. Im selben Jahr arbeitete er bei der Gründung von Xpeng mit. Drei Jahre später verliess er Alibaba und übernahm die direkte Kontrolle über Xpeng. Nun hält er 23 Prozent der Aktien, auch Alibaba ist mit 12 Prozent beteiligt.

Chinesische Regierungsbeamte haben auf dem Weg geholfen. 2017 lieh ein staatliches Unternehmen nahe Guangzhou Xpeng 233 Millionen Dollar für den Bau der ersten Fabrik mit einer Jahreskapazität von 100’000 Autos. Seitdem subventioniert die Stadt die Zinszahlungen des Unternehmens, wie aus den Unterlagen von Xpeng hervorgeht.

Die Stadt Wuhan half Xpeng, Land zu kaufen und Geld zu niedrigen Zinssätzen für ein neues Werk dort zu leihen. Auch die Regierung von Guangzhou unterstützte Xpeng beim Bau der Fabrik in dieser Stadt, sagte Brian Gu, stellvertretender Vorsitzender und Präsident von Xpeng. All dies erinnert stark an das Standort-Marketing in Europa und den USA, wo Industrien mit kostenlosem Land und Steuervergünstigungen angelockt werden.

Nach überstandener Pandemie machte Xpeng letztes Jahr das grosse Geschäft an der Wall Street, wo der Aufstieg von Tesla den Appetit der Investoren auf die Branche weckte. Das chinesische Unternehmen kassierte bei einem Börsengang und anschliessenden Aktienverkäufen 4,5 Milliarden Franken. Einen Teil des Geldes gibt es für neue Fabriken aus, einen anderen Teil für Forschung und Entwicklung, insbesondere im Bereich des autonomen Fahrens.

Der Schritt ins Ausland ist zum Teil schon geplant

Wie kompromisslos Xpeng investiert, zeigt sich an der kostspieligen Automatisierung in der Fabrik in Zhaoqing. Roboter heben 20 Kilo schwere Autodächer aus dunkel getöntem Glas, tragen luftfahrtharten Kleber auf und pressen sie an ihren Platz. Der Bau der Fabrik dauerte nur 15 Monate, wesentlich schneller als die Montagewerke im Westen. Yan Hui, der Leiter des Endmontagebereichs, sagte, Entscheidungen würden schneller getroffen als bei dem deutschen Autoteilehersteller, bei dem er früher arbeitete. “Jede Designänderung dauerte sehr lange”, sagte er der “New York Times”. “Bei Xpeng können wir Änderungen einfach vornehmen.”

Auch wenn viele Elektroauto-Marken in China neu sind, haben ihre Besitzer bereits Ambitionen im Ausland. Xpeng beginnt, Autos nach Europa zu exportieren, zuerst nach Norwegen. Chery, ein grosser staatlicher Autohersteller in Zentralchina, kündigte kürzlich an, dass er nächstes Jahr mit dem Export von zuerst Benzinern in die USA beginnen und dann mit Elektroautos folgen werde.

“China wird den globalen Markt dominieren”

Die USA werden ein schwieriger Markt sein. Die Trump-Verwaltung hat 2018 Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Autos aus China eingeführt, was das Volumen der Exporte gebremst hat. Auch Komponenten von Autos sind von denselben Zöllen betroffen.

Im Moment sind chinesische Unternehmen damit beschäftigt, ihre Marken aufzubauen und zu etablieren. Michael Dunne, Geschäftsführer der Beratungsfirma ZoZo Go, die sich auf die Elektroautoindustrie in Asien spezialisiert hat, sagte gegenüber der “New York Times”, die Zukunftsaussichten der Industrie würden immer klarer: “China wird der globale Dominator, wenn es um die Herstellung von Elektroautos geht.”

Statt die Ressourcen auf den raschen Aufbau für die Elektroauto-Herstellung im grossen Stil zu konzentrieren, werben die meisten etablierten Autobauer weiterhin lieber mit ihren neusten Hybridmodellen. Diese Strategie scheint gefährlich. Der eingangs erwähnte Vergleich zu einem anderen zukunftsträchtigen Industriesektor liegt nahe: In den letzten Jahren hat China mit der Massenproduktion von Solarmodulen die Konkurrenz aus der ganzen Welt zu einem grossen Teil aus dem Markt gedrängt.