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Mit Nazi Trikot zur EM

Ultra-Nationalismus statt Völkerverständigung: Die Ukraine provoziert einmal mehr mit rechtsextremen Anspielungen. Die (vorübergehende) Billigung des Vorgangs durch die UEFA war skandalös – inzwischen hat die Organisation aber reagiert. Problematisch bleiben Reaktionen in Teilen der deutschen Presse und Doppelstandards bei Teilen der sonst lauten Warner vor Rechtsextremismus. Einer Politisierung des Sports ist prinzipiell entgegenzutreten.

Die Fußball-Europameisterschaft wird morgen (11. Juni) mit dem Spiel Italien-Türkei eröffnet. Das ist sehr erfreulich. Die EM bietet nicht nur die Aussicht auf spannende sportliche Unterhaltung, sondern auch – zumindest potenziell – die Chance auf gelebte Völkerverständigung.

Die Ukraine konterkariert aber den Gedanken der potenziell möglichen Völkerverständigung in einem von Geopolitik vorübergehend befreiten Raum, indem sie die Trikots ihrer Nationalmannschaft für skandalöse politische Statements missbraucht. Ebenso skandalös war die vorübergehende Billigung dieser Propaganda durch die UEFA. Immerhin: Mittlerweile hat die UEFA die Ukraine aufgefordert, den Slogan zu entfernen. Problematisch bleibt das Verhalten von Teilen der westlichen Politiker und Journalisten dazu, dass der eng mit historischen Nazi-Kollaborateuren verknüpfte Slogan “Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden” nun auf den Trikots zu lesen ist. Außerdem ist auf den Trikots die Krim als Teil des ukrainischen Staatsgebiets markiert.

Gegen die Politisierung des Sports

Eine Politisierung von Sportveranstaltungen ist abzulehnen – besonders, wenn es sich um internationale Treffen handelt. Bricht man mit dieser Regel, büßen solche Sportveranstaltungen ihre letzten Reste der Glaubwürdigkeit bezüglich ihres Beitrags zur Völkerverständigung ein und verwandeln sich potenziell ins Gegenteil: in eine internationale Bühne der gegenseitigen Ressentiments. Das darf man nicht dulden.

Darum war das vorübergehende Schweigen der UEFA zu den zurecht umstrittenen Trikots der ukrainischen Fußballnationalmannschaft unhaltbar und ein politisch parteiischer Schritt. Besser spät als nie: Dass die UEFA nach der zunächst erteilten Erlaubnis der Trikots nun doch noch reagiert hat, ist zu begrüßen. Jedoch wird laut den Medienberichten nur der erwähnte Slogan moniert, nicht aber die Darstellung der Krim als offizieller Teil der Ukraine.

Man kann an vielen Aspekten von Organisationen wie der UEFA oder an der Kommerzialisierung des Sports scharfe Kritik üben. Aber dennoch können internationale Treffen wie die nun kommende Fußball-EM potenziell positiv als eine der letzten Brücken zwischen den Völkern dienen, wenn die anderen Brücken von der Politik torpediert werden.

Doppelte Standards beim Rechtsextremismus

Eigentlich herrscht darüber, dass internationale Sportveranstaltungen keine Bühne der politischen Propaganda sein dürfen, zumindest offiziell, weitgehend Konsens. Der Ukraine wurde aber nun (einmal mehr) eine Sonderrolle zugestanden – zum Glück nur vorübergehend. Einmal mehr war auch das Schweigen der westlichen Maidan-Unterstützer zu dem Vorfall interessant – vor allem das Schweigen von jenem Personal, das sonst (wenn es ins politische Konzept passt) gar nicht oft genug vor einer rechtsextremen Gefahr warnen kann.

Die rechtsextreme Gefahr, die in der Ukraine längst zu einer rechtsextremen Realität geworden ist, wird vom westlichen Politiker wie Medien schon lange einfach ausgeblendet und verschwiegen. Dieses Phänomen war bereits angesichts des mit ganz offener rechtsextremer Beteiligung vollzogenen Maidan-Umsturzes zu beobachten. Aktuell spiegeln sich die Doppelstandards zahlreicher westlicher Medien bezüglich Rechtsextremismus unter vielem anderen in der verharmlosenden Beschreibung des rechtsextremen Krawalny als “Oppositionspolitiker” oder des in Weißrussland verhafteten, mit Rechtsextremen verbundenen Roman Protassewitsch der nicht umsonst Angst vor Auslieferung an Luhansk Angst hat.

Verbreitete Geschichtsklitterung

Internationaler Sport wird, wenn es ins politische Konzept passt, zur Waffe in geopolitischen Konflikten missbraucht. So war etwa auch im Vorfeld der Fußball-WM in Russland eine massive und destruktive Politisierung zu beobachten. Die in den vergangenen Tagen erlebte (Nicht-)Reaktion von Teilen der deutschen Presse auf die aktuelle Provokation durch die Ukraine negierte zweierlei: Zum einen die hochproblematische Geschichte des auf den Trikots abgedruckten Spruches, was als offene Geschichtsklitterung bezeichnet werden muss, und zum anderen die eigentlich geltende Regel vom unpolitischen Sport.

So beschrieb der “Spiegel” den Trikot-Konflikt, der eigentlich eine prinzipielle Empörung über diese propagandistische Instrumentalisierung der EM verlangt, als ein “russisches” Problem und titelte: “Russland ärgert sich über Trikots der Ukraine”. Demnach “ärgert” sich die “Spiegel”-Redaktion scheinbar nicht darüber. Bezüglich der Krim praktiziert das Magazin die übliche verkürzende Darstellung des Vorgangs. Vollends verzerrend ist die “Spiegel”-Beschreibung des hier thematisieren Slogans:

“In der Kritik steht auch der auf die Trikots gedruckte Slogan “Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden”. Er steht seit Jahrzehnten für den Kampf der Ukraine um Unabhängigkeit.”

Dass die problematische Formel auch von großen Medien seriöser eingeordnet werden kann, zeigt etwa dieser ältere Artikel im MDR:

“Denn zwar stammt “Ruhm der Ukraine” schon aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes 1917/18. Besonders assoziiert wird die Formel, besonders in der Variante mit der “Helden”-Antwort, aber mit der “Organisation Ukrainischer Nationalisten”, kurz OUN um Stepan Bandera. Bandera und die OUN hatten zwischen den Weltkriegen für eine von Sowjet-Russland unabhängige Ukraine gekämpft – und während des Zweiten Weltkriegs dazu zeitweise auch mit Hitlers Wehrmacht kollaboriert. (…)

Nach dem Krieg ist der Spruch zuerst in die Vergessenheit geraten, doch in der Perestrojka Ende der 1980er Jahre wurde er von vor allem von rechtsradikalen Gruppierungen, unter anderem von der umstrittenen “Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigung” (UNSO), immer wieder aufgegriffen.”

Während des Maidan-Umsturzes erlebte der Slogan eine breite Renaissance in Teilen der Ukraine, inzwischen findet er bis in den politischen Mainstream hinein Akzeptanz, was ihn aber nicht von seinen historischen Wurzeln befreien kann. Von welchen Gruppen in der Ukraine der Spruch bis heute gerne genutzt wird, zeigen etwa diese Aufnahmen ukrainischer Rechtsextremer, wie der “Anti-Spiegel” berichtet:

Slogan ist keine unschuldige Formel für Unabhängigkeit

Dem “ahistorischen” Versuch, den Slogan wie der “Spiegel” als unschuldige Losung des ukrainischen Unabhängigkeitskampfes zu zeichnen, trat Maria Sacharowa (mid.ru) wie RT zitiert:

“Der Gruß kopiert vollständig sein Pendant bei den deutschen Nazis. In den Jahren des Krieges wurde dieser Nazi-Gruß in militärischen wie paramilitärischen ukrainisch-nationalistischen bewaffneten Formierungen genutzt. Der Großteil dieser Formierungen stand dem Dritten Reich loyal gegenüber, teils waren sie auch dessen Streitkräften organisatorisch zugeordnet. Nach dem Krieg wurde die Tradition des Bandera-Grußes von den Untergrund-Banden in der Westukraine erhalten und gepflegt – sowie von UPA-Kämpfern, die sich den US-Truppen ergaben und sich so vor der Justiz in den Westen retten konnten, wo sie ihren Lebensabend verbrachten.”

Mit einem prinzipielleren Statement, dem man nur zustimmen kann, wird im gleichen Artikel Dmitri Swischtschow aus der russischen Staatsduma zitiert:

“Politische Deklarationen sollten in Sportstadien keinen Platz haben.”

Das Schweigen der UEFA

Auch aus diesem prinzipiellen Grund war es wie gesagt ein Skandal, dass die Trikots zunächst offiziell von der UEFA gebilligt wurden. Zu den Fragen von RT, warum die UEFA solche politischen Aussagen auf einem Trikot erlaubt und ob es bereits Präzedenzfälle dafür gebe, dass Trikots nationalistische Slogans enthalten, antwortete der Pressedienst der UEFA vor einigen Tagen nur: 

“Die Trikots der Nationalmannschaft der Ukraine (und aller anderen Mannschaften) für die Europameisterschaft wurde von der UEFA im Einklang mit den jeweils anwendbaren Regeln bezüglich der Ausstattung gebilligt.”

Inzwischen hat die UEFA ihren Standpunkt wie gesagt geändert.