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Die NS Medien leben

Im Tagesspiegel gibt es ein Objektivitätsproblem, das ist offensichtlich. Sachlichkeit, Distanz zum Objekt der Berichterstattung? Fehlanzeige. Der “Newsblog”, den die Redaktion am Wochenende zu den Grundrechte-Demonstrationen in der Hauptstadt angelegt hat, kommt einer weltanschaulichen Bruchbude gleich. Immer wieder gebraucht der Redakteur Sebastian Leber pauschalisierend für die Bürger, die gegen die schwersten Grundrechtseingriffe seit Bestehen der Republik demonstrieren, Begriffe wie “Coronaverharmloser”, “Coronaleugner” oder “Verschwörungsgläubige”. Die Vermischung von Nachrichten und Meinung im Journalismus wird immer schlimmer. So kann das nicht weitergehen, meint Marcus Klöckner in einem NachDenkSeiten-Kommentar.

Im Grunde genommen ist der Unterschied zwischen Nachricht und Meinung einfach. Die Aussage: “Ein Autofahrer ist an einen Baum gefahren”, ist eine Nachricht. Die Aussage: “Der Autofahrer ist doof”, ist eine Meinung. Die Aussage: “Der doofe Autofahrer ist an einen Baum gefahren”, vermischt eine Meinung und eine Nachricht. Jeder Journalist kennt den Unterschied zwischen Nachricht und Meinung. Und wohl auch jedem Nichtjournalisten dürften die Beispiele einleuchten. Die Vermischung von Nachricht und Meinung gehört im Nachrichtenjournalismus schon von jeher zu einer der problematischsten Grenzüberschreitungen. Dass Journalisten gerne ihre eigene Meinung unter Nachrichten mischen, ist alles andere als ein neues Phänomen. Allerdings: Die Schamlosigkeit, mit der seit geraumer Zeit immer wieder Medienvertreter auch in scheinbar neutralen Berichten versuchen, ihrer Weltanschauung freien Lauf zu lassen, ist atemberaubend.

Am Wochenende hat der “Newsblog” vom Tagesspiegel zu den Grundrechtsdemonstrationen in Berlin einen guten Einblick geboten, wie es aussieht, wenn Nachrichten und Meinungen vermischt werden. Los geht es im Grunde genommen schon bei dem Begriff “Newsblog”. Was ist eigentlich ein “Newsblog”? Uns allen dürfte der Begriff “Nachrichten-Ticker”, wie Online-Medien ihn bereitstellen, bekannt sein. Es gibt ein Ereignis mit großem Nachrichtenwert – dazu liefern die Redaktionen dann fortlaufend aktuell die neusten Informationen bzw. die aktuellen nachrichtlichen Entwicklungen. Die Betonung liegt dabei auf “nachrichtlich”.

Im Newsblog, also in einem “Nachrichtenblog”, scheint die Vermischung von Nachricht und Meinung bereits angelegt zu sein. Eine “Nachricht” ist sachlich, ein Blog ist oft individuell gefärbt. Das Ergebnis ist also etwas, was man als “Nachrichtenmeinung” sprachlich erfassen kann. “Nachrichtenmeinung”? Was soll das denn sein? Nun, das, was im Grunde genommen mittlerweile weite Teile des Journalismus durchzieht. Selbst wenn nachrichtliche Beiträge noch so neutral scheinen, findet sich an irgendeiner Stelle ein weltanschauliches, auf Manipulation ausgerichtetes Element. Der Tagesspiegel-“Newsblog” am vergangenen Wochenende hat dieses Prinzip konsequent umgesetzt. Einerseits scheint die Absicht im Vordergrund zu stehen, die Leser “informieren” zu wollen, das heißt, die Redakteure rücken den Nachrichtengehalt im Hinblick auf das Demo-Geschehen in den Fokus. Gleichzeitig aber stehen offensichtlich auch Weltanschauung, Ideologie und Meinung im Vordergrund.

Aus nachrichtlicher Sicht sollten sich die Redakteure beim Tagesspiegel hinter die Ohren schreiben: Ein Demonstrant ist ein Demonstrant ist ein Demonstrant. Und nochmal: Demonstrierende sind Demonstrierende sind Demonstrierende. Warum?

Na, weil ein Demonstrant nun mal ein Demonstrant und die Demonstrierenden Demonstrierende sind und keine, zum Beispiel, “Vollidioten”. Wie schon angesprochen: Der Autofahrer ist an den Baum gefahren und nicht, der doofe Autofahrer ist an den Baum gefahren. Nochmal: Nachrichtenjournalismus eben.

Aber im Tagesspiegel-Newsblog macht unter anderem der Redakteur Sebastian Leber die Demonstranten zu

So läuft das eben, wenn Journalismus durch Weltanschauung ersetzt wird. Die Verwendung hochgradig manipulativer, abwertender und in der Pauschalität zudem auch noch falscher Begrifflichkeiten dienen zur “journalistischen” Erfassung der Demonstranten – und das offensichtlich unter voller Rückendeckung der Verantwortlichen in der Chefredaktion.

Längst ist bekannt, dass die Demonstranten, die unter anderem gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, kaum heterogener sein könnten. Unter ihnen mag es Personen geben die leugnen, wenn man das denn als seriöser Journalist unbedingt möchte. Aber pauschalisierend Demonstranten unter stigmatisierenden Begriffen zusammenzupferchen, ist aus journalistischer Sicht unerträglich. Über diese Begrifflichkeiten läuft das ab, was man nur noch als Diskurskontaminierung bezeichnen kann.

Wer als Journalist unbedingt in einer gesellschaftlich und politisch hochkomplexen Situation Menschen und Bürgern durch eine Sprache, die voller Verächtlichmachung steckt, entgegentreten möchte, möge bitte einen Kommentar verfassen. Der “Newsblog” des Tagesspiegels vom Wochenende ist ein trauriges Beispiel für einen “Journalismus”, der diesen Namen nicht verdient. Ganz unabhängig von den angeführten Begriffen glüht der Newsblog nur so vor Subjektivität. Man merkt förmlich in jeder Faser der Beiträge, mit wie viel Antipathie Redakteure den Demonstranten begegnen. Die Parteilichkeit gipfelt dann in einem Eintrag vom 2. August. Darin heißt es unter der Überschrift: “Reichen Demo-Verbote aus?":

“Querdenker laufen trotz des Verbots ihrer Demonstrationen durch Berlin, sie überrennen Polizeiketten, Beamte und Journalisten werden attackiert. Der Sonntag zeigt einmal mehr, welche Aggressionen sich in der Szene der Corona-Leugner ballen.”

Das aggressive Verhalten von Teilen der Polizei spricht Ingo Salmen an dieser Stelle nicht an, wie etwa Bilder, die zeigen, wie ein Polizist augenscheinlich mit Härte gegen einen Jungen vorgeht. Und dass sich mittlerweile selbst Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter, aufgrund des Agierens der Berliner Polizei zu Wort gemeldet hat: kein Problem. Warum soll man das in einem “Newsblog” erwähnen? Überhaupt: Da fragt der Tagesspiegel allen Ernstes, ob Demo-Verbote ausreichen? Das kann man sich im Traum nicht ausdenken. Vielleicht wäre ein Grundkurs in Sachen Demokratie angebracht (“Demokratie verstehen und begreifen”)?

Nachdem der Tagesspiegel in Sachen #allesdichtmachen bereits eine “Berichterstattung” abgeliefert hat, die als “journalistischer Offenbarungseid” noch sehr zurückhaltend bezeichnet ist, hätte man annehmen können, dass es von Verlag und Redaktion nur eine Ansage geben kann: Weniger Weltanschauung, stattdessen mehr Objektivität und solider Journalismus.

Doch weit gefehlt: Im Online-Forum des ehrwürdigen Blattes unter einem Artikel zur Sängerin Nena finden sich Hetze und ein sprachliches Gemetzel, im Newsblog sind pauschal Demonstrierende Coronaverharmloser, Leugner und sowieso irgendwas mit “Verschwörung”.

Nein, so kann das nicht weitergehen. Es sei denn, der Tagesspiegel will nur noch als ein ideologisches Kampfblatt wahrgenommen werden. Dann: bitte weiter so! Auf dass möglichst viele Leser, die an einem seriösen Journalismus interessiert sind, dem Blatt den Rücken kehren.