Die USA und Afghanistan

Afghanistan wurde schon mehrmals von fremden Mächten besetzt. Die Kurzversion lautet meistens: Erster Anglo-Afghanischer Krieg 1839-1842, zweiter Anglo-Afghanischer Krieg 1878-1880 und dritter Anglo-Afghanischer Krieg, der bis zum Vertrag von Rawalpindi nur wenige Monate dauerte, 1919. Dann die Besetzung Afghanistans durch die Sowjetunion 1979-1989. Und jetzt also der Krieg der USA beziehungsweise der NATO von 2001 bis 2021.

Diese Kurzversion der Geschichte ist grundsätzlich richtig, doch die französische Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" würde dazu sagen: "Soignez les détails", vergesst die Details nicht! Sie veröffentlichte im Januar 1998 ein Interview mit Zbigniew Brzeziński, einem 1928 noch in Polen geborenen US-amerikanischen Politikwissenschaftler, der über viele Jahre in verschiedenen hochrangigen Funktionen zu den wichtigsten Einflüsterern der US-amerikanischen Aussenpolitik gehörte, so namentlich etwa als offizieller Sicherheitsberater unter Präsident Jimmy Carter. Und er gehörte, so wie heute zum Beispiel auch Robert Kagan, zu jenen Polit-Beratern, die immer dafür plädierten und auch heute dafür plädieren, dass die ganze Welt von den USA allein beherrscht werden muss.

Le Nouvel Observateur: Der ehemalige CIA-Direktor Robert Gates erklärt in seinen Memoiren, dass der amerikanische Geheimdienst sechs Monate vor der sowjetischen Intervention begann, die afghanischen Mudschaheddin zu unterstützen. Damals waren Sie der Sicherheitsberater von Präsident Carter. Sie haben also eine Schlüsselrolle in dieser Affäre gespielt? Können Sie dies bestätigen?

Zbigniew Brzeziński: Ja. Nach der offiziellen Version der Geschichte begann die Unterstützung der Mudschaheddin durch die CIA im Jahr 1980, also nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan am 24. Dezember 1979. Die geheime Realität sieht jedoch ganz anders aus: Am 3. Juli 1979 unterzeichnete Präsident Carter die erste Direktive zur geheimen Unterstützung der Gegner des (damaligen) prosowjetischen Regimes in Kabul. Und an diesem Tag schrieb ich dem Präsidenten eine Notiz, in der ich ihm erklärte, dass diese Hilfe meiner Meinung nach zu einer sowjetischen Militärintervention führen würde.

Le Nouvel Observateur: Trotz dieses Risikos haben Sie sich für diese "verdeckte Aktion" ausgesprochen. Aber vielleicht haben Sie den Eintritt der Sowjetunion in den Krieg sogar gewollt und versucht, ihn zu provozieren?

Zbigniew Brzeziński: Das ist nicht ganz richtig. Wir haben die Russen zum Eingreifen nicht gedrängt, aber wir haben bewusst die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun werden. ("Ce n’est pas tout à-fait cela. Nous n’avons pas poussé les Russes à intervenir, mais nous avons sciemment augmenté la probabilité qu’ils le fassent.")

Le Nouvel Observateur: Als die Sowjets ihre Intervention damit begründeten, dass sie gegen die heimliche Einmischung der USA in Afghanistan kämpfen wollten, glaubte ihnen niemand. Dennoch war daran also etwas Wahres. Bereuen Sie heute nichts?

Zbigniew Brzeziński: Was bereuen? Diese Geheimaktion war eine ausgezeichnete Idee. Es hatte den Effekt, die Russen in die afghanische Falle zu locken, und Sie möchten, dass ich das bereue? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten, schrieb ich an Präsident Carter: "Wir haben jetzt die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu schenken". In der Tat musste Moskau fast zehn Jahre lang einen unerträglichen Krieg für das Regime führen, einen Konflikt, der zur Demoralisierung und schliesslich zum Zerfall des Sowjetimperiums führte.

Le Nouvel Observateur: Sie bedauern nicht, den islamischen Fundamentalismus gefördert zu haben, Waffen und Ratschläge an zukünftige Terroristen gegeben zu haben?

Zbigniew Brzeziński: Was ist wichtiger in der Geschichte der Welt? Die Taliban oder der Untergang des Sowjetimperiums? Ein paar islamische Extremisten oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?

Le Nouvel Observateur: Ein paar Extremisten? Wir sagen es doch immer wieder: Der islamische Fundamentalismus stellt heute eine globale Bedrohung dar.

Zbigniew Brzeziński: Blödsinn. Es wird gesagt, dass der Westen eine globale Politik gegenüber dem Islamismus verfolgen sollte. Das ist dumm: Es gibt keinen globalen Islamismus. Wir sollten den Islam rational und nicht demagogisch oder emotional betrachten. Mit 1,5 Milliarden Anhängern ist der Islam die führende Religion der Welt. Doch was haben das fundamentalistische Saudi-Arabien, das gemässigte Marokko, das militaristische Pakistan, das pro-westliche Ägypten oder das säkularisierte Zentralasien gemeinsam? Nichts anderes als das, was auch die Länder des Christentums eint.