Leergut statt die soziale Wende

Auf eine wirklich soziale, humanistische Wende warten wir vergebens. Armut ist allgegenwärtig in diesem unserem Land. Die Armen kämpfen sich durch. Ein sichtbarer Beleg für Jedermann ist das Flaschensammeln von Menschen, die mit dem Erlös aus dem Pfand des Leergutes ein bisschen wenigstens über die Runden kommen wollen, müssen. Nun hat sich in den sozialen Medien eine Idee Bahn gebrochen, die von einem CSU-Politiker angeschoben wurde. In der fränkischen Saalestadt Hof nahe dem Vogtland. Zur Erleichterung der Sammelarbeit der Armen.

Die werbewirksame Facebook-Internetpräsenz der Stadt Hof, "Hof in Bayern ganz oben – Stadtportal", hat in dieser Woche (Donnerstag, 09.09.21) eine Neuigkeit verbreitet, die einen staunen, ja fragend dastehend oder protestieren lässt – je nachdem, so wie es sich für eine freie, demokratische Gesellschaft gehört. So heißt es:

Kai Gollwitzer, Stadtratsmitglied der CSU, hatte die Idee Pfandtower in der Hofer Innenstadt aufzustellen, um Pfandsammlern das Suchen nach Flaschen zu erleichtern. Aktuell steht der erste Tower vor der Tourist-Information. Beim Kugelbrunnen soll ebenfalls einer aufgestellt werden. Kai Gollwitzer möchte einen dritten Tower bei der Kreuzsteinstraße, in der Nähe vom Busbahnhof montieren.

Durch die Röhrenform des Towers können die Pfandflaschen einfach und verdeckt aufbewahrt werden.

Die Flasche einfach durch die untere Öffnung in den Tower schieben. Durch die Aufstellfläche kann das Pfandgut auch nicht wieder Herausrutschen. Gleichzeitig ermöglicht die Fläche ein bequemes Entnehmen der Flaschen. Praktisch ist auch, dass ihr beim Hineingeben der Flasche nicht in Kontakt mit dem Pfandgut des Vorgängers kommt.

Gut. Tatsächlich können Passanten in vielen Städten tagtäglich beobachten, wie sich andere Menschen, Mitbürger, die man entsprechend "dem Rand der Gesellschaft" zuordnet, abplagen, in die engen, dunklen Öffnungen der Müllbehältnisse zu schauen, um dort eventuell verwertbare Leergutflaschen zu entdecken. Dann greifen sie hinein, wühlen, hoffen. Erlösen. Glas, das Geld bringt an den Leergutautomaten der Supermärkte. Auch Plastik, Einwegflaschen, ist gefragt – immerhin 25 Cent bringen diese Objekte je Einheit im Gegensatz zu Glas mit läppischen 8 Cent. Es müssen viele Flaschen zusammenkommen, um einen Fünf-Euro-Schein in den Händen zu halten. Im ganzen Land ist das zu beobachten, dass mehr und mehr Menschen, "mehr und mehr" ist dabei keine hohle Medienphrase, Flaschen sammeln. Es ist mit den Jahren sogar eine regelrechte Sammelprofession entstanden. Und spezielle Ausprägungen. Vor Stadien sammeln Menschen Flaschen von Menschen, die diese vor Konzerten oder Fußballspielen leerten und liegen ließen. Vor Konzerthallen lauern Leergut-Profis auf das Liegenlassen von Flaschen von Musikfans, die nach dem Konzert ihren Müll, ihr Glas wegwerfen oder bewusst so hinstellen, dass diese eingesammelt werden. Diese "bewusste Bereitstellung" von Flaschen für Arme ist von den Fans eine Geste, nun – so die vermutete Intention auch des Herrn Kai Gollwitzer, Stadtrat der CSU in Hof/ Bayern. An sich ist die Geste eine menschelnde. Aber …

Finale. Die Frage steht im Raum: Wie kann es sein, wenn eine Partei wie die CSU für Bayern, dazu die Schwesterpartei der CDU für ganz Deutschland, seit zig Jahren nach eigenem Anspruch und selbstbewusster Aussage eine gute, stabile Politik für Deutschland macht, die die seit vielen Jahren regierende Kanzlerin Merkel in Sachen ihres Engagements so kommentiert: "Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben"?

Ob in Hof, Berlin, Hamburg, München und sogar in kleinen Städten der Provinzen in Deutschland – die Flaschensammler warten sicher auf die "Pfand-Tower". Auf eine wirkliche soziale, humanistische Wende warten sie vergebens.